62. Keine IT-Fachkräfte in Frührente!

Tagesgedanke:

SAP, Europas größter IT-Konzern, will 4.400 Fachkräfte ab 55 Jahren in Frührente schicken, jüngere mit Abfindungen loswerden.

Dabei klagt das ganze Land, dass überall, gerade auch in KMU [Kleine und mittlere Unternehmen] händeringend IT-Fachkräfte gesucht werden. Wir brauchen das Wissen und Können der älteren, erfahrenen Kräfte.

Doch SAP will mit neuen Kräften neue Geschäftsfelder zum Schwerpunkt machen: Künstliche Intelligenz (KI) und Roboter-Technik.

Wie gerufen kommt so die Fortsetzung des vorletzten Tagesgedanken: „60. Von der Arbeits- zur Umschulungsagentur“ – Denn statt Vorruhestand wäre ein begleiteter Übergang in andere, IT-Fachkräfte suchende Unternehmen sinnvoll. Die Duale Umschulungsagentur (DUA) sollte sie umschulen und den Einstieg in der neuen Firma begleiten.

Zum Nachdenken über Tags:

Der Walldorfer Softwarekonzern nimmt dazu fast eine Milliarde in die Hand, um Mitarbeitern den Abschied schmackhaft zu machen. [Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ), 30.01.2019]

Das wäre nicht schlimm, wenn die Bundesagentur für Arbeit (BA) eine Duale Umschulungsagentur (DUA) wäre. Sie müsste die Fachkräfte sofort einstellen und bedarfsgerecht umschulen. Dies hätte im gemeinsamen Vorgehen mit den Firmen zu geschehen, die IT-Spezialisten suchen. Die DUA müsste diese Fachkräfte in die neuen Aufgaben z.B. zusammen mit einem KMU einarbeiten.

SAP zahlt hohe Abfindungen, selbst für Buchhalter im unteren sechsstelligen Bereich. Damit könnte das Arbeitsentgelt, das die  DUA an Umschüler zahlt, aufgestockt werden. Außerdem könnten damit die Umschulungskosten teilweise subventioniert werden.

Zur Vertiefung:

SAP nennt diese Umsteuerung in neue Geschäftsfelder „Restrukturierungsprogramme“. Das letzte lief 2015 mit dem Aufstieg in die „Wolke“: „Cloud-Subskriptionen und –Support“ heißt das. Immerhin wuchs dieser Geschäftsbereich von € 3,77 Mrd. Umsatz (2017) auf € 4,99 Mrd. (2018); das sind +32,5% und 20 % des Gesamtumsatzes von € 24,71 Mrd. (2018). [Handelsblatt, Titelartikel vom 30.01.19] Das Ganze sind strategische Unternehmensentscheidungen, die niemand einem Konzern abnehmen kann.

Doch wie können solche Ereignisse in einer „Sozialen Volkswirtschaft“ im Sinne des volkswirtschaft-lichen Gesamtnutzens und des Wohls der Arbeitnehmer gesteuert werden?

Der Betriebsrat jedenfalls findet es „schräg“, fast eine Milliarde € in Abfindungen und Vorruhestand für 4.400 Mitarbeiter zu stecken, während in die Weiterbildung von mehr als 90.000 Mitarbeiter nur 180 Mio. € fließen. [RNZ, 30.01.19]

Das hängt auch mit dem Shareholder-Value-Modell zusammen. Danach sollen Unternehmen zum alleinigen Nutzen der Kapitalgeber (Aktionäre) bzw. „Investoren“ höchstmögliche Renditen abwerfen. Seither werden die Bilanzen auf „Gewinn“ frisiert. Das geschieht am leichtesten, indem die Gelder für Weiterbildung sowie F & E (Forschung und Entwicklung) deutlich gekürzt werden. Alles ist auf Kurzfristigkeit getrimmt; und kurzfristig sind die Langzeitschäden unsichtbar. Abwerbung ist billiger als Ausbildung. Der Kauf von Gründer-Firmen (Start-Ups) ist günstiger als eigne F & E.

Großkonzerne stellen heute möglichst keine Hochschulabgänger ein, sondern jüngere Fachkräfte, die zuvor etwa fünf Jahre, oft in KMU genau auf dem Gebiet gearbeitet haben, das zu besetzten ist. „Restrukturierungsprogramme“ sind günstige Gelegenheiten, solche Verjüngungen des Personals durchzuziehen. So weiß der SAP-Betriebsrat. „Gespart wird etwa, wenn die Stelle eines Mitarbeiters mit 30 Jahren Berufserfahrung mit einem jüngeren Kollegen besetzt wird, der auf einer niedrigeren Gehaltsstufe anfängt.“ So sollen ab 2020 wieder 750 bis 850 Mio. € jährlich eingespart werden.

Das wird z.B. in den VDI-nachrichten [VDI = Verein Deutscher Ingenieure] oft diskutiert. Hochschulabgängern wird dort empfohlen, sich trotzdem zu bewerben. Denn es könne ja sein, dass sich keine eingearbeitete Fachkraft bewirbt.

SAP u.a. entschuldigen sich, die Konkurrenz mache es genauso; und ein anderes Verhalten sei existenzgefährdend. Da international sich alle globalen Großkonzerne so verhalten, ist eine moderne DUA gefragt, um mit den dargestellten dualen Umschulungen den Übergang der IT-Fachkräfte zu anderen Firmen zu begleiten.

Der SAP-Betriebsrat fragt zu Recht: „Ein Mitarbeiter mit 55 Jahren und vielleicht seit 20 Jahren bei SAP ist doch auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Wenn seine Freisetzung für SAP ökonomisch sinnvoll sein soll – was ich nicht glaube – da frage ich mich doch: Was ist da vorher schief gelaufen?“ – Antwort: u.a. keine gezielte Weiterbildung!

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