65. Bitcoin – eine Krypto-Währung

Tagesgedanke:

Seit längerem geistern Krypto-Währungen wie Bitcoin durch die Welt und den Cyberraum, d.h. das Internet. Viele reden, noch mehr schreiben darüber. Selbst angesehene Professoren aus den US-Eliteuniversitäten erwarten ein neues Zeitalter auf den Devisenmärkten. Wie öfter beim Wirtschaftsgeschehen hat ein Hype, auf Deutsch ein Massenwahn oder freundlicher gesagt eine Massenbegeisterung die Fachwelt erfasst.

Zum Nachdenken über Tags:

Beginnen wir mit Bitcoins. „Bit“ steht für digital und „coin“ für Münze. Wir müssen uns ein Bitcoin also als eine Goldmünze vorstellen, die wir nicht in die Hand nehmen können. Doch sie kann auf dem Bildschirm unseres Rechners erscheinen; damit existiert sie nur virtuell, in der Cyberwelt (Internet). Und wie mit einem echten Goldstückle soll man nun kaufen und bezahlen können. Eine neue Weltwährung soll geboren sein.

Vom ersten Tag an konnte ich das nicht glauben. Denn sofort tauchten bei mir im Kopf die Geldfunktionen auf. Geld ist (1.) ein Tauschmittel, (2.) ein Wertaufbewahrungsmittel und (3.) eine Recheneinheit, mit der wir ein ganzes Vermögen oder Unternehmen in der Buchhaltung abbilden können. Schließlich ist Geld (4.) ein Abstimmungsmittel, wodurch in einem vollkommenen (!) Markt die Kunden letztlich bestimmen, was hergestellt wird, d.h. die Wirtschaft wird in diesem Idealfall vom Kunden an der „Ladenkasse“ oder durch Onlinebestellungen gesteuert.

Wie die alten ‚Goldmünzen‘ sollen nun die ‚Bildschirm-Münzen‘ ein staatsfreies, weltweit anerkanntes und stabiles Zahlungsmittel werden. Dazu werden sie angeblich fälschungssicher in großen ‚Digital-Werkstätten‘ mit hohem Energie- und Programmieraufwand hergestellt. Es soll auch eine Mengenbegrenzung geben, damit sie wie Gold rar bleiben und nicht wie der Sand am Meer wertlos werden.

Nun kommt der Haken. Der Wert des Geldes wird durch zwei Mächte oder Institutionen bestimmt: den Staat und den Markt.

Geld ist ein gesetzliches Zahlungsmittel. Ich kann damit meine Schulden loswerden – sogar wenn mein Gläubiger das nicht will. Er muss nach dem Gesetz meine Euro zur Schuldentilgung annehmen, selbst wenn er lieber Schweizer Fränkli hätte. (Bei Währungskrisen kann es inoffizielle Parallelwährungen geben. Eine solche war die Deutsche Mark zeitweise in Jugoslawien. Nur für DM verkauften oft die Geschäfte ihre Waren. Dann weicht das Gesetz der wirtschaftlichen Wirklichkeit.)

Der Staat muss auch den Geldwert über seine Zentralbank erhalten oder steuern. Die Bundesbank tat das u.a. dadurch, dass sie die Geldmenge dem erstrebten Wirtschaftswachstum anglich. Der Geldmarkt wurde so versorgt, dass es weder zur Inflation (Geldentwertung) noch zur Deflation kam. Strikte oder stabile Geldpolitik hieß das. Sie wurde ab den 1970er Jahren, nach dem Ende des goldgesicherten Bretten-Woods-Systems eingeführt.

Nun kommt der Markt ins Spiel. Wenn Gold international gehandelt wird, bildet sich ein internationaler Goldpreis heraus. Goldmünzen unterschiedlicher Länder haben dann gemäß ihrem Goldgehalt einen vergleichbaren Wert. Bei Papiergeld ist das anders. Das Vertrauen in die Wirtschaftskraft eines Landes sowie Angebot und Nachfrage bestimmen, wie viel eine Landeswährung im Devisenhandel wert ist.

Die Herausgeber der sog. Bildschirm-Münzen glauben nun, ihre Bitcoins ähneln mehr Goldmünzen und nicht Papiergeld. Tatsächlich fehlt im Hintergrund nicht nur ein Staat mit einem Wirtschaftsgebiet, sondern auch eine Zentralbank, die auf Angebot und Nachfrage so reagieren kann, dass die Kroyptowährung stabil bleibt. Stattdessen zogen die Bitcoins die Spekulanten an und lösten einen wahnhaften Spieltrieb der Superreichen aus. Sie können sich mit dem Geld aus ihrer Hosentasche, also mit einigen Millionen, an dem Glücksspiel beteiligen.

Die Bitcoins machten daher je nach Lust und Laune riesige Kurssprüngen. Heute erlebten sie himmelhoch jauchzend, am nächsten Tag zu Tode betrübt. Ein echter, verlässlicher Wert war nie greifbar.

Damit können die Bitcoins die Geldfunktionen überhaupt nicht erfüllen. Als Zahlungsmittel zur Schuldentilgung oder als sicheres Wertaufbewahrungsmittel sind sie untauglich. Das gleiche gilt für sie als Recheneinheit. Wer zu Jahresbeginn seine Buchhaltung in Bitcoins aufgestellt hätte, dem wäre nach wenigen Tagen mit den Kurssprüngen der Bildschirm-Währung völlig der Überblick verloren gegangen.

Was bleibt? Die dahinter liegend Programmiertechnik ‚Blockchain‘ eignet sich gut zur Verschlüsselung von Nachrichten. Banken können damit z.B. Inhaberschuldverschreibungen papierlos im Internet angeblich ganz sicher verschicken. Doch das hat mit Geld nichts zu tun.

Ergebnis und Erkenntnis:

An eine Neuheit kann man auf zwei Wegen herangehen. Der erste Weg ist die Technik. Den gehen immer die Erfinder. Sie erklären z.B. dem Publikum wie ein Auto, ein Computer oder nun Bitcoins funktionieren. Die Technik des Motors musste man in der Frühzeit des Autos bei der Führerscheinprüfung noch kennen und erklären können. Viele erste Info-Veranstaltungen zur EDV erzählten uns nur von Bits und Bytes, erklärten uns das binäre Zahlensystem usw. Die Fach-Idioten waren begeistert von ihrem Fachwissen und versuchten oft vergeblich, normale Anwender zu begeistern. Ähnliches erleben wir nun mit Bitcoin, Blockchain, KI (Künstlicher Intelligenz) und Industrie 4.0.

Der zweite Weg nähert sich der Neuheit von der Anwenderseite. Er verschafft zugleich einen Überblick und vermittelt Zusammenhänge.  Das zeigte uns bei Einführung der EDV im Landratsamt unser junger und pfiffiger Kämmerer Peter Korth.  Er hatte an einem Nachmittag im Jahr 1981 allen gestandenen, alten und jungen Amtsleitern und mir eine Einführung in die neue Bürotechnik zu geben. Mit Begeisterung sprach er von Bits und Bytes, vom Abschied von Lochkarten und der Einführung von EDV-Rechnern und Textverarbeitung am Arbeitsplatz.

Danach nahm ich den Peter Korth noch mit auf mein Dienstzimmer, bedankte mich und sagte: „Herr Korth, wir haben jetzt Freitagnachmittag. Sie haben nun bis Montag Zeit, sich etwas einfallen zu lassen. Erklären Sie die neue EDV so einfach, dass unsere Schreibkräfte es verstehen und gern ihre elektrischen Schreibmaschinen gegen Bildschirm und Tastatur austauschen.“ Er zupfte seinen kurzen Bart und meinte: „Eine verdammt schwere Aufgabe!“ „Herr Korth, Sie sin‘ g‘scheid, Sie könne‘ des“, sagte ich zum Abschied.

Am Montagmorgen passte mich der Herr Korth schon auf dem Flur ab. Er strahlte: „Ich hab‘s!“ Und  dann am Besprechungstisch begann er: „Die EDV ist ganz einfach.“

„So ein Computer ist (1.) eine ideale Schreibmaschine. Die Schreibkräfte brauchen kein Tipp-Ex mehr. Alles kann auf dem Bildschirm problemlos verbessert und neu ausgedruckt werden. Dann ist die EDV (2.) ein großer Karteikasten. In Sekunden kann ich jede Adresse oder sonst was finden, auf meinen Bildschirm holen und in einen Brief einfügen. Schließlich ist der Computer (3.) eine komfortable Rechenmaschine. Ich kann schnell durch die Eingabe von abgefragten Zahlen z.B. die Sozialhilfe ausrechnen lassen. Und jetzt kommt noch ein Knüller. Ich kann (4.) diese Fähigkeiten alle verknüpfen. Die Sachbearbeiterin holt das Muster „Sozialhilfebescheid“ auf den Bildschirm. Sie setzt die Anschrift ein, passt den Text dem Fall an und lässt die Maschine die Sozialhilfezahlung ausrechnen. Mehr ist es nicht.“ –  Inzwischen ist nur noch dazugekommen, dass der Rechner auch (5.) eine Fernmeldezentrale mit weltweitem Internet-Anschluss ist.

Ich war begeistert: „Erzählen Sie niemand mehr etwas von Bits und Bytes und sonstigen Hexenwörtern. Zeigen Sie allen den Nutzen und wie‘s geht. Sie müssen nun ein Schulungsprogramm aufbauen – vom ganz Einfachen zum Schwierigeren.“ –  Die ganze Republik jammerte damals über die Verweigerungshaltung der Leute gegenüber der EDV. Über „Akzeptanzprobleme“ wurde viel geschrieben. Wir hatten keine.

Diesen Ansatz haben auch zwei Professorinnen für das MINT-Studium [MINT = Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik]  empfohlen. In den VDI-Nachrichten [VDI = Verein Deutscher Ingenieure] forderte eine Informatik-Professorin aus Wien ein neues Technikbild, das auch Frauen anspricht. Sie schilderte, wie ihre Universität das gemacht hat:

„Die Verantwortlichen haben sich nicht nur gefragt, wie sie andere Menschen für das Studium gewinnen können, sondern ob sie das bisher vorherrschende Technikbild wirklich vermitteln wollen. Als Ergebnis dieses Reflexionsprozesses unterstreicht die Universität heute den starken Anwendungsbezug von Technik. Das ganze Studium wurde umgekrempelt. Jetzt beginnt die akademische Ausbildung mit der Frage: ‚Welche Alltagsprobleme lösen wir eigentlich mit technischen Mitteln und technischen Instrumenten?‘ Durch dieses gewandelte Selbstverständnis ist es gelungen, den Frauenanteil unter den Studenten nachhaltig auf jetzt 42 % zu steigern.“ Ursprünglich lag er bei 7 %. [VDI-Nachrichten, 21.02.2014].

Ähnlich äußerte sich die Professorin Tina Seidel von der Technischen Universität München [VDI-Nachrichten, 18.10.2013]. –  Wer schon gelesen hat, dass Bitcoins so wie oben von der Anwendungsseite erklärt oder hinterfragt wurden,  der soll sich bitte melden.

61. Klar denken – einfach reden!

Tagesgedanke:

Wer klar denkt, kann auch verständlich sprechen.

„Es ist ein Beweis hoher Bildung, die größten Dinge auf die einfachste Art zu sagen.“ [Ralph Waldo Emerson (1803–1882); amerik. Philosoph und Schriftsteller]

Der Physiker Ernst Rutherford hat einmal gesagt, wenn wir ein Ergebnis nicht in einfachen, nichtwissenschaftlichen Worten erklären können, dann haben wir es nicht wirklich verstanden.

 

Zum Nachdenken über Tags:

„Alles wird heute immer komplizierter und komplexer“, tönt es aus aller Munde. Doch „komplex“ und „kompliziert“ heißen auf Deutsch nichts anderes als „verwirrt“ und „verwickelt“. Wir müssen wieder lernen, die Gedanken zu entwirren und ein klares Denken zu entwickeln.

Das muss bei der Bildung und Ausbildung beginnen. Sie vermittelt heute immer mehr Einzel- und Besonderheiten. Es fehlen oft der Überblick und die Darstellung der Zusammenhänge. Dann wird vieles einfach und verständlich.

Unsere Fachsprachen in Recht und Wirtschaft, Datenverarbeitung und Ingenieurwesen usw. wurden zu Verständnissperren. Dabei ist die Aufgabe von Sprachen, Verständigungsbrücken zu bauen.

Adenauer wurde 1966 vom Journalist und späteren DDR-Beauftragten Günter Gauß gefragte, ob er die Bezeichnung ,,Großer Vereinfacher der Politik“ als Lob oder Abwertung verstehe. Er antwortete: ,,Das halte ich für ein ganz großes Lob. Denn in der Tat, man muss die Dinge auch so tief sehen, dass sie einfach sind. Wenn man an der Oberfläche der Dinge bleibt, sind sie nicht einfach; aber wenn man in die Tiefe sieht, dann sieht man das Wirkliche, und das ist immer einfach.“ [Süddeutsche Zeitung, 23.02.2001, S. 10] 

Auch Albert Einstein meinte, „dass eine theoretische Konstruktion kaum Aussicht auf Wahrheit hat, wenn sie nicht logisch sehr einfach ist.“  [Albert Einstein, zitiert nach John D. Barrow, Das 1 x 1 des Universums, Neue Erkenntnisse über die Naturkonstanten, Darmstadt 2004, S. 49]

 

Zur Vertiefung:

Die Universität Hohenheim hat die Reden der Vorstandsvorsitzenden auf Aktionärsversammlungen bei allen 30 Dax-Konzernen, also den 30 größten deutschen Aktiengesellschaften, untersucht. Die Sprachforscher rügten bei den hochbezahlten Wirtschaftslenkern: Keine klare Gedankenführung, überlange Schachtel- und Bandwurmsätze, unverständliche Wörter. Dazu kommt das Kleben an der schriftlichen Vorlage. Nur ein einziger von 30 Rednern hat frei gesprochen.

Rekordhalter für den längsten und unverständlichsten Satz war der Chef der Deutschen Börse.

„In seiner ganzen Pracht lautet der Satz – nebst grammatikalischem Fehler – wie folgt: „Hätten wir die Chance, die sich aus der industriellen Logik und den vielen Vorteilen für die Kapitalmärkte ergeben hätten und die von Ihnen nachvollzogen wurden und zu einer überragenden Akzeptanz des Zusammenschlussvorhabens von über 97 % geführt haben, nicht zu nutzen versucht, hätten wir eine großartige Gelegenheit in Ihrem Interesse und in im besten Interesse der Gesellschaft zur – in der Verantwortung des Vorstands liegenden – Fortentwicklung unseres Unternehmens verstreichen lassen.“ Die stolze Bilanz dieses Bandwurmsatzes: 68 Wörter und rund 500 Zeichen.“ [RNZ, 09.06.2012]

Abschließend stellten die Hohenheimer fest: Je kürzer die Sätze, umso verständlicher seien sie für die Zuhörer. Außerdem sei der innere Aufbau der Sätze wichtig. Die Mehrheit der Reden sei unverständlich und ermunterte zum Weghören.

Eine Ausnahme war René Obermann von der Deutschen Telekom. „Er spricht Klartext“, hieß es. Im Mittelfeld, und damit bei den grundsätzlich unbegabten Sprechern, landete der BASF-Chef Kurt Bock. Ganz unten treffen wir den sonst in der Wirtschaftspresse gelobten und anerkannten Linde-Chef Wolfgang Reitzle. Dabei ist er noch in München Honorarprofessor, sollte also bei Studenten ankommen und verstanden werden. Bei den Versagern findet sich auch Olaf Koch von Metro: „Pikant: Während man Schneider als Finanzfachmann sein Kauderwelsch vielleicht noch nachsehen kann, ist Koch ausgerechnet für Kommunikation verantwortlich.“

Als einziger sprach der Chef von Heidelberger Zement, Bernd Scheifele, frei. Deshalb war von ihm auch keine schriftliche Redevorlage zu haben. Es gab nur einige Folien. Er lief außer Konkurrenz.

Was sagt dazu der „gemeine Mann“ auf dem Marktplatz, dem Martin Luther aufs Maul schaute? „Lauter studierte Leut‘. Doch g’scheit reden haben sie nie gelernt, nicht in der Schule, nicht auf der Uni und im Berufsleben auch nicht.“

Wir sehen hier einen gewaltigen „Bildungsnotstand“ bei unserer sog. „Wirtschaftselite“. Nur wer klar spricht, kann auch klar denken. So darf ein normaler Bürger nicht einmal schreiben; und diese Leute reden so. Dabei verdienen die Herren jedes Jahr Millionen. Für sie sind Aktionärsversammlungen ganz wichtige jährliche Ereignisse. Denn hier sollen sie den Eigentümern der AG, den Aktionären, und der Öffentlichkeit für die Vergangenheit Rechenschaft ablegen und für die Zukunft ihre Strategie darlegen. Möglicherweise reden sie in der Schweiz nun besser und genauer. Denn dort verlangte ein Volksentscheid, dass künftig die Aktionäre in der Aktionärsversammlung die Gehälter der Bosse beschließen müssen.

Die Hohenheimer haben auch in den folgenden Jahren die Dax-Reden untersucht. Sie berichteten von erfreulichen Verbesserungen.

Zum Schluss eine Faustregel, über die manche lächeln, die aber bei unseren Beamten im Landratsamt ungeheurer erfolgreich war:

  • Kurze Sätze, deutsche Wörter!
  • Ein Gedanke, ein Satz!
  • Subjekt, Prädikat, Objekt, Punkt!
  • Das zweite Komma zeigt, dass der Satz zu lang wird.

Da alle Mitarbeiter im Landratsamt auf verständliches Schreiben eingeschworen waren, entdeckten sie bei höchsten Gerichten ganz schwache Leistungen. In der Hauszeitung, die sich „Die Büroklammer“ nannte, brachten sie Beispiele. Eine Veröffentlichung ist besonders aufgefallen. Es war ein „Leitsatz“ des BVerwG (Bundesverwaltungsgericht, oberstes Gericht für Verwaltungsstreite). Als Überschrift wählten die pfiffigen Mitarbeiter das Wort

„Untherapierbar“

„Die fehlende Therapierbarkeit eines bei Wiederaufnahme der Arbeit möglichen Wiederauflebens depressiver Symptome, die primär auf geringer Arbeitsmotivation nicht nur für einen konkret zugewiesenen Arbeitsplatz, sondern auch allgemein für jeden anderen amtsgemäßen und laufbahntypischen Einsatz in der Verwaltung der Bundeswehr beruht, ist bei amts- und fachärztlich festgestellter allgemeiner Dienstfähigkeit als Arbeitsverweigerung und schuldhaftes Fernbleiben vom Dienst zu werten. Ein solcher Fall liegt hier zur Überzeugung des Senats vor.“ [BVerwG, Beschluss des 1. Disziplinarsenats vom 26.02.2003]

57. Friedensdienst für alle / Teil II

Friedensdienst für alle

Gerhard Pfreundschuh / Roland Ziegler

 Teil II

Für junge Deutsche ist auch der Wehrdienst ein Friedensdienst. Sie sollten im Frieden zwischen bewaffnetem und unbewaffnetem Friedensdienst wählen können. Ein Angriffskrieg ist nach unserem Grundgesetz (Art. 26 I GG) nicht nur verboten, sondern unter Strafe gestellt. Wenn sich alle Länder nur verteidigen, kann es folgerichtig keinen Krieg, nur allseitigen Frieden geben; das wusste schon Clausewitz. Doch wer keine Verteidigungsfähigkeit besitzt, reizt fremde Mächte zur Eroberung.

Andere Unruhen und Kriege sind durch die Gegensätze von Armut und Reichtum, von Religionen und Nationalitäten, durch soziale und gesellschaftliche Spaltungen nicht ausgeschlossen. Terror und Kriminalität, Bandenkriege und zerfallende Staaten sind erkennbare Folgen. Nach schweren Anschlägen hören wir heute oft, dass sich Europa und die Welt durch Terroristen und Fundamentalisten in einem Dritten Weltkrieg befänden. Dabei sollten wir auch „über die Frieden stiftende Funktion von Grenzen nachdenken“ (Antje Vollmer, Grüne).

Wir müssen über die rein militärische zu einer zusätzlichen, zivilen Friedensstrategie mit dem Ziel „Weltfrieden durch Wohlstand für alle Länder“ vorstoßen. Das gilt für die äußere wie für die innere Sicherheit, die sich immer enger verflechten.

Für Europa ist das strategische Ziel für die innere wie die äußere Sicherheit: Sicherung des langfristigen Überlebens Europas, seiner Kultur und Nationen in Frieden und Freiheit bei angemessenem Wohlstand.

Für Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) waren dabei fast alle Risiken gering im Vergleich zur „bedrohlichsten Veränderung“ für Europa: Die „bevorstehende Gefahr einer Marginalisierung der europäischen Kultur“ durch die „Schrumpfung der europäischen Bevölkerung.“ (Handelsblatt 04.07.2012, S. 55; ebenso in: Helmut Schmidt, Ein letzter Besuch, 2013, S. 44 ff., 158)

Ohne Nachkommen bricht auch der Sozialstaat zusammen. Einwanderer schaffen es nicht, wie in Teil 1 gezeigt. Damit stellen sich für den Friedensdienst der Deutschen einige überlebenswichtige Aufgaben.

Allein mit Geld und Gesetzen werden wir die sozialen und familienunterstützenden Aufgaben nicht bewältigen. Wir brauchen dazu den Friedensdienst für alle. In Kitas und Altenpflege, in Krankenhäusern und im Reha-Bereich fehlt für die einfache Arbeit das Personal. Die Fachkräfte sind weithin unterbezahlt und müssen unterbewertete Arbeiten verrichten. Die Zivis waren eine echte, viele sagen unverzichtbare Hilfe. Ein flächendeckendes Angebot an Kitas und Ganztagesschulen ist keineswegs vorhanden. So ist für die Eltern nicht wie in Skandinavien, Frankreich oder der früheren DDR die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gegeben. Zu wenige Geburten sind die Folge.

Um Friedensdienstler hier erfolgversprechend einzusetzen, müssen sie zuerst im vorgesehenen Bereich eine vierteljährliche Grundausbildung durchlaufen. Die restlichen 15 Monate sind mit einer dualen Fortbildung zu verbinden. Damit würden die Profile und Stellenbeschreibungen der festangestellten Fachkräfte von vielen einfachen  Arbeiten entlastet, sie wären dadurch höher zu bewerten und zu bezahlen. Außerdem dürfte sich die Bewerberlage für die sozialen Berufe deutlich verbessern; so wie die Wehrpflicht der Bundeswehr den Nachwuchs sicherte.

Nun hat nicht jeder die Neigung und Eignung für den sozialen Bereich. Daher müssen den Dienstleistern Wahlmöglichkeiten angeboten werden. Manche wenden sich gern Menschen zu, andere lieben die Natur und Umwelt, wieder andere Technik und Bauen. So können sich Beruf und Friedensdienst ergänzen. In allen Bereichen gibt es einfache Arbeiten, die zu Niedriglöhnen führen oder heute schlicht nicht erledigt werden. Vieles bleibt liegen; das gilt im Denkmal- und Umweltschutz, bei der Sauberkeit und Verschönerung z.B. des Wohnumfelds oder der Gewerbegebiete. Es gilt für die einst so erfolgreiche Dorfentwicklung und Stadterneuerung. Oder man besichtige den baulichen Zustand vieler Schulen in Nordrhein-Westfalen. Vieles ist zu teuer, der öffentlichen Hand fehlt das Geld, in den Unternehmen zählen nur Gewinnzahlen. Doch Kultur, die das Leben für alle kultiviert, kostet Arbeit. Jeder sollte hier einmal Hand anlegen und die einfachen Arbeiten kennen und schätzen lernen. Das wäre auch eine gewisse Gegenleistung für das kostenlose Bildungssystem und die soziale Sicherheit in Deutschland.

Außerdem haben wir einen erheblichen Prozentsatz von jungen Menschen ohne Berufsabschluss. Nach dem „Zensus 2011 bis 2013“ herrschte Aufregung. Die Bild-Zeitung verkündete: „Die Wahrheit über Deutschland – 26,6 Prozent haben keinen Berufsabschluss.“

Zum gleichen Thema schrieb das Handelsblatt: „Fast 1,5 Millionen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren haben in Deutschland keinen Berufsabschluss und befinden sich auch nicht mehr in Qualifizierungsmaßnahmen. 46 % davon haben einen Migrationshintergrund. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der SPD-Fraktion hervor. Unter den 1,484 Millionen ungelernten jungen Menschen sind 729.000 Frauen.“ (Handelsblatt 26.04.2011)

Es wird die Ansicht vertreten, durch die Globalisierung gingen immer mehr Arbeitsplätze für gering Qualifizierte verloren. Es heißt, bei ihnen würden „Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen auf enge begabungs-, milieu- und altersbedingte Grenzen stoßen“. (Frank Pilz, Der Sozialstaat, hg. Bundeszentrale für politische Bildung, 2009, S. 289) Auch der Agenda 2010 wird vorgeworfen, sie habe keine Wende gebracht. Manche Sozialwissenschaftler behaupten sogar: „Sie hat den Unterschichten keine einzige neue Chance eröffnet, dafür aber eine Menge materieller Verluste beschert.“ (Franz Walter, zitiert nach Frank Pilz, a.a.O., S. 306)

Das hat zur Theorie der Zwei-Drittel-Gesellschaft geführt. Danach ist ein Drittel der Bevölkerung zu dumm für einen modernen Arbeitsplatz. Sie müssten dauerhaft von Sozialhilfe leben und seien in der Schule auf ein erwerbsloses Leben vorzubereiten. (Peter Glotz, SPD, Eine Kultur des Wandels schaffen, Speyerer Vorträge, Heft 29, Speyer 1994; Denkschrift der Kommission ‚Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft‘ beim Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, 1995, S. 48 ff.)

Die Gegenstrategie geht auf Altkanzler Gerhard Schröder u.a. zurück. Sie fand im „Konzept des aktivierenden Sozialstaats“, der „neuen sozialen Gerechtigkeit“ und der „Neuen Mitte“ ihre Ausformung. Leitbild ist im sozialen Bereich der aktive Bürger, der zum Koproduzenten öffentlicher und sozialer Leistungen wird und dazu auch aktiv anzuhalten ist. Das soll zu einer Politik der gezielten Befähigung führen. Dazu hieß es: „Beträchtliche, noch zu erschließende Potenziale werden vor allem in den Bereich sozialer Dienstleistungen, der Kultur, der Altenpflege und der Schulen gesehen.“ (Frank Pilz, a.a.O., S. 82.). Gleichzeitig soll auch mittels Sanktionen eine Pflicht zur Mitwirkung eingefordert werden.

Diesen Ansatz hat auch die katholische Soziallehre. „Das bewusste Leben auf Kosten anderer unterminiert das Prinzip der gegenseitigen Verantwortung … Die Höhe von Sozialtransfers an Arbeitsfähige ohne Beschäftigung etwa ist deshalb gebunden an die Bereitschaft der Empfänger, sich nach Kräften um eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu bemühen und dazu die zur Verfügung stehenden Bildungsangebote zu nutzen.“ (Elmar Nass, Der humangerechte Sozialstaat, hg. vom Walter Eucken Institut, 2006, S. 268) Jeder hat die seinen Fähigkeiten entsprechende Verantwortung zu übernehmen, damit die Wirtschaft effizient produziert und der Sozialstaat funktioniert. (Nass, a.a.O., S. 281)

Aus Jahrzehnte langer Arbeit mit Wehrpflichtigen und Reservisten, aber auch aufgrund unserer Berufserfahrung sind wir überzeugt, dass es die „engen begabungs-, milieu- und altersbedingten Grenzen“ nicht gibt. Junge Menschen aus allen sozialen Milieus, mit den unterschiedlichsten Schulerfolgen und Begabungen waren sehr erfolgreiche und einsatzfähige Wehrpflichtige. Es war die andere Art des Lernens und der Ausbildung, der Disziplin und der Sanktionen, der Gruppendynamik und der Führung, die zum Erfolg, ja zur Erfolgslust führten. Wir sind der Meinung: Jeder kann etwas, jeder wird gebraucht. Und wer gebraucht wird, entwickelt Selbstbewusstsein und Leistungsbereitschaft.

Dazu müssen aber die sozialstaatlichen Institutionen vom Bund bis zu den Kommunen teils geschaffen, teils noch befähigt werden. Hier setzen Friedensheer und Friedensdienst an. Beiden Seiten, den Dienstleistern und der Gesellschaft, wird erkennbarer Nutzen gestiftet.

Das setzt entsprechende Dienstzeiten und Ausbildungsprogramme voraus. Wie für junge Ausländer ist auch für junge Deutsche ohne Berufsabschluss ein 18-monatiger Friedens- und Ausbildungsdienst im dualen System unverzichtbar. Wer bereit und geeignet ist, sollte bei einer Weiterverpflichtung auf zwei Jahre einen vollwertigen Facharbeiterabschluss bekommen. Auch Laufbahnen zum Meister und zur Führungskraft sollten wie zum Reserveunteroffizier oder Reserveoffizier angeboten werden. Wer schon einen Berufsabschluss hat, kann einen auf 12 Monate verkürzten Friedensdienst ableisten. Dieser muss allerdings mit einer vierteljährlichen Grundausbildung für den vorgesehenen Einsatzbereich beginnen.

Damit ist das Friedensheer ein wichtiger Baustein und eine Institution zum Ausbau und zur Verbesserung der Agenda 2010. Es hat u.a. das Ziel und den Auftrag, Langzeitarbeitslosen und Geringverdienern eine echte Chance zum Aufstieg in den Mittelstand zu bieten.

Dazu kommt die große Aufgabe, einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung der Generationenfolge und des Sozialstaats zu leisten. Familien ab drei Kindern sollten Anspruch auf kostenlose sozialpädagogische Familienhilfen haben, damit sie Familie und Beruf vereinbaren können. Ohne Hilfen und allein sind Eltern mit drei Kindern überlastet. So wird heute das dritte Kind verweigert, das zur Sicherung der Generationenfolge schon statistisch erforderlich ist. Nur mit einem Friedensheer kann der Sozialstaat und damit der innere Friede gesichert werden.

Dr. Gerhard Pfreundschuh ist Landrat a. D. und Major d. R. Er studierte Recht, Geschichte und Wirtschaft. Er ist Autor der Bücher „Das Militär“ (2014) und „Soziale Volkswirtschaft“ (2017). Er ist Mitglied der Clausewitz-Gesellschaft.

Roland Ziegler, Oberst d. R. (ehemaliger Kdr. Heimatschutzregiment 75 „Alt-Württemberg“) war Landesvorsitzender des Verbands der Reservisten der Bundeswehr (VdRBw) in Baden-Württemberg, Vizepräsident des VdRBw und ist Past-President von CIOR (Internationaler Dachverband nationaler Reserveoffiziersvereinigungen).

56. Friedensdienst für alle / Teil I

Vorbemerkung:

In Schweden beschloss 2017 die rot-grüne Regierung, die Wehrpflicht für Männer und Frauen wieder einzuführen. Bei uns begann im gleichen Jahr die Diskussion über eine allgemeine, einjährige Dienstpflicht für Männer und Frauen.

Die CDU-Generalin Kramp-Karrenbauer brachte 2018 von ihrer „Zuhör-Tour“ durch Deutschland die weitverbreitete Kritik am Ruhen der Wehrpflicht mit. Sie hat nun eine Debatte über eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen sowie für unbefristet hier lebende Ausländer angestoßen.

Bereits 2017 haben der Oberst d.R. Roland Ziegler und ich – angeregt durch einen Aufsatz in der Reservistenzeitung „loyal“ – das Konzept „Friedensdienst für alle“ entworfen.

Wird dieser Ansatz zu Ende gedacht, dann ist er ein weitreichender Strategiewechsel von der rein militärischen Krisenreaktion hin zu einer aktiven Friedensarbeit. Denn wir müssen an die Wurzeln der Armutsmigration. Dazu gehört das strategische Ziel „Weltfrieden durch Wohlstand für alle Länder“.

Im Folgenden wird als wichtiger Baustein eines Bürgerstaats der „Friedensdienst für alle“ vorgestellt.

Der heutige erste Teil betrifft den Friedensdienst für Ausländer und Flüchtlinge, die sich unbefristet in Deutschland aufhalten dürfen.

Der zweite Teil folgt am 25.10.2018 und befasst sich mit dem allgemeinen Friedensdienst für Deutsche.

Friedensdienst für alle

Gerhard Pfreundschuh / Roland Ziegler

Teil I

Es läuft derzeit eine Diskussion darüber, ob das Ruhen der Wehrpflicht zu beenden ist. Schweden führt die allgemeine Wehrpflicht wieder ein. In der Schweiz und Österreich hat vor einigen Jahren die Bevölkerung in Volksabstimmungen die Abschaffung der Wehrpflicht klar abgelehnt. In der Zeitschrift loyal des Reservistenverbands der deutschen Bundeswehr (Heft 6/2017) forderte jüngst ein Leitartikel einen „Dienst für die Gesellschaft“, und zwar für Männer und Frauen. Altkanzler Helmut Schmidt hatte sich öfter dafür ausgesprochen. Diese Gedanken sind angesichts der weltweiten Krisen weiterzuführen.

Ausgangpunkt ist eine allgemeine, für alle gleiche öffentliche Dienstleistungspflicht für Männer und Frauen i. S. v. Art. 12 II GG. Es wäre sinnvoll und zeitgemäß, diese Dienstpflicht zu einem allgemeinen Gesellschafts- und Friedensdienst für alle Bürger, also Männer wie Frauen, auszubauen. Dies bedürfte einer Änderung des Grundgesetzes. In der Schweiz wird diskutiert, ob auch Ausländer, die sich unbefristet im Inland aufhalten, zu einem Zivildienst heranzuziehen sind. Auch das wäre angesichts der vielen nicht leicht integrierbaren und oft unausgebildeten jungen Flüchtlinge sinnvoll und für alle von Nutzen.

Im Folgenden ersten Teil wird dargestellt, welche Vorteile sich daraus für die Gesellschaft und die ausländischen Dienstpflichtigen, insbesondere die vielen junge Flüchtlingen ergeben. Im zweiten Teil wird dies für einheimische Dienstpflichtige erörtert.

Oberstes strategisches Ziel muss die Sicherung des inneren und äußeren Friedens sein. Heute geht es nicht nur um die Verteidigung und äußere Sicherheit, sondern auch um die Aufrechterhaltung des inneren und sozialen Friedens. Dazu haben die Zivis mit ihrem Einsatz in Krankenhäusern, Altenheimen und sozialen Einrichtungen beigetragen.

Wir empfehlen, ein Friedensheer als 4. Teilstreitkraft mit dem klaren Auftrag aufzustellen, einen grundlegenden Beitrag zur Sicherung des inneren und äußeren Friedens zu leisten. Militärische Krisenreaktionen allein genügen nicht mehr. Das zeigen die Misserfolge vom Irak über Afghanistan bis zum Nahen Osten. Wir brauchen neue Strategien und Taktiken, um die Fluchtursachen und die Armut vor den Außengrenzen der EU wirksam zu bekämpfen. Diese Ergänzung einer Landes- und Nato-Verteidigung erscheint uns unverzichtbar.

Der Zivildienst sollte zum allgemeinen Friedensdienst aufgewertet werden. Dabei geht es um Nutzen für beide Seiten, für die Dienstleister und die Gesellschaft.

Jede Armee ist eine große Ausbildungseinrichtung. Dabei soll das Friedensheer nicht wie der frühere Zivildienst nur die Arbeitskraft der Dienstleister nutzen, sondern darüber hinaus zivile Befähigungen in einer dualen Ausbildung vermitteln. Viele Zivis haben schon früher den Weg in soziale Berufe gefunden, so wie viele Wehrpflichtige sich weiterverpflichteten.

In vorbildlicher Weise vermittelt die heutige Offiziersausbildung militärische und zivile Befähigungen. Das tat auch die frühere Ausbildung zum Reserveoffizier mit ihrer umfassenden Einübung von Führungsfähigkeiten, wie dies kein Betriebswirtschafts- oder anders Studium kann. (G. Pfreundschuh, Das Militär, 2014, S. 43 ff., 100 ff., 144 ff.)

Der Auftrag zur zivilen Aus- und Fortbildung wird für das Friedensheer umso dringender und deutlicher, wenn wir auch die politische Aufgabe sehen. Wie können wir die große Herausforderung der Integration hunderttausender junger Menschen ins Arbeitsleben und das noch größere Ziel der Beseitigung der Fluchtursachen bewältigen?

Es ist nicht richtig, dass gesunde junge Menschen jahrelang herumsitzen oder sich bei ineffizienten, wenig herausfordernden Integrationskursen langweilen. Rund 80 % der Flüchtlinge hatten 2016 keinen belastbaren Berufsabschluss. Nach bisherigen Erfahrungen der Arbeitsagentur waren nach 10 Jahren noch 40 %, nach 15 Jahren noch 30 % der Migranten nicht in den Arbeitsmarkt integriert, lebten von der Sozialhilfe. (Landkreis-Nachrichten Baden-Württemberg, 1/2016, S. 23 ff.)

Andere sind Billigarbeiter, die wir so nicht brauchen. Die Arbeitsplätze, in die sie „alsbald integrierbar wären, haben wir längst nach Bangladesch und andere Länder ausgelagert“ (Olaf Scholz, SPD). Am unteren Rand einer Gesellschaft zu leben, schafft Enttäuschung und Verbitterung. Es entstehen Prekariat und revolutionäre Massen.

Es wird nicht erfolgreich sein, auf die Wirtschaft zu warten. Inzwischen erkennt die Wirtschaft die Wirklichkeit. Siemens-Chef Joe Kaeser meinte, er habe den Ausspruch „Wir schaffen das“ immer unterstützt. Doch sei die Botschaft „online in Windeseile millionenfach verbreitet“ worden. Die Politik habe die Massenmobilisierung „unterschätzt und die Solidaritätsbereitschaft unser europäischen Partner überschätzt“. In der Wirtschaft hätten viele gesagt, die Zuwanderung löse das Facharbeiterproblem. „Das war natürlich supernaiv, weil es in der Regel keine Facharbeiter sind, die zu uns kommen.“ (Handelsblatt 27.04.2017, S. 1, 30 – 33) Die Wirtschaft schafft es auch nicht.

Hans-Werner Sinn, früherer Chef des Ifo-Instituts, weist darauf hin, dass selbst im Arbeitsmarkt integrierte Flüchtlinge den Staat netto belasten. Denn im Sozialstaat erhalten die unteren Einkommensgruppen mehr öffentliche und soziale Leistungen, als sie an Steuern und Abgaben zahlen. Ihre Beiträge machen das soziale Netz nicht sicherer, sondern belasten es. „Das sind sehr hohe Werte, die darauf schließen lassen, dass die Flüchtlinge (allein) des Jahres 2015 den Staat Hunderte von Milliarden Euro kosten werden.“  (Hans-Werner Sinn, Der schwarzer Juni, S. 114 ff. 122). In ihren Herkunftsländern können sie mit einer beruflichen Grund- oder gar Vollausbildung hohen Nutzen stiften.

Nur das strategische Ziel „Frieden durch Wohlstand für alle Länder“ kann die Fluchtursachen beheben. Umfragen zeigen, „rund 450 Millionen Menschen aus Subsahara-Afrika und aus dem arabischen Raum zwischen Marokko und Oman würden heute gerne auswandern. …  2009 erfragte Prozentsätze [ergaben] Subsahara: 38 Prozent, arabischer Raum: 23 Prozent.“ (Handelsblatt, 30.07.2015, S. 48) Fast 70 Millionen Menschen sind heute weltweit auf der Flucht. Nach 1989 sagten die Ostdeutschen: „Kommt die DM nicht zu uns, dann kommen wir zur DM.“ Und Millionen Afrikaner sagen: „Kommt der Wohlstand nicht zu uns, dann kommen wir zum Wohlstand.“

Geld und herkömmliche Entwicklungshilfen versagen. Wohlstand ist nur durch Ausbildung und Können zu schaffen. Die Anforderungen sind in Afrika, Afghanistan usw. sehr unterschiedlich.

Warum bilden wir die Million junger geflohener Menschen nicht begabungs- und bedarfsgerecht in einem dualen System aus? Dazu hätte ein Friedenheer die wirtschaftlichen Voraussetzungen und die technischen Anforderungen in den Heimatländern genau zu erkunden. Mit diesen Ländern müssen die Voraussetzungen für die Aufnahme und Eingliederung in dortige Wirtschaft geschaffen werden. Die Schweiz versucht derartiges z.B. in Äthiopien zusammen mit NGO (Nicht-Regierungs-Organisationen).

Die Schulpflicht und die Wehrpflicht sind zu ergänzen um eine Ausbildungs- und Friedensdienstpflicht, die im Friedensheer vereint sind.

Der vormalige Präsident des Reservistenverbands Roderich Kiesewetter (MdB) sieht hier die Bundeswehr und die Reservisten schon heute in der Pflicht: „Es wird immer offensichtlicher, dass wir nicht darauf vorbereitet waren, so viele Krisen gleichzeitig zu managen und immer mehr Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Die sich weiter verschärfende Lage und die begrenzte Durchhaltefähigkeit der zivilen Hilfsorganisationen werden in naher Zukunft zu erhöhten Anforderungen an Bundeswehr und Reservisten führen.“  (loyal 11/2015, S. 35)

In jeder Armee darf die Ausbildung nicht theorielastig mit Tests, Noten und Unterricht ablaufen. Es muss gelten: lernen durch Tun und Üben sowie nochmals Üben – bis es alle können. Das ist eine ganz andere Art des Lernens und der Ausbildung als in Schule und Hochschule.

Ein deutscher Polizist, der längere Zeit in Afghanistan Polizisten ausgebildete, schilderte mit Bildern und Videos vor Reservisten seine Erfahrungen. Zu den Erfolgen sagte er: „Ob wir nur einige Millimeter Fortschritte gemacht haben, weiß ich nicht. Oft hatte ich den Eindruck, sie kommen, weil sie Geld, Unterkunft und warmes Essen bekommen. Beim Unterricht schlafen sie schnell ein.“ Das war auf den Bildern gut zu erkennen. Die Tendenz des Vortrags war: der Bildungsstand der Männer ist sehr gering, ihr Lerneifer auch, mit den Gesetzen und der Technik tun sie sich sehr schwer.

Diese Schlussfolgerung überzeugte nicht. Am Ende des Vortrags wurde gefragt: „Wenn diese Männer so unfähig und unbegabt sind, wie Sie es sagten, dann verstehe ich nicht, dass ihr sie nicht schnell besiegt habt. Aber die Taliban kämpfen so gut, dass bisher alle hochgerüsteten Militärmächte scheiterten.“ Die Antwort war hilflos. Die Einheimischen würden stammesmäßig organisiert kämpfen. Es herrschten strenge Hierarchien. Das alles wolle man nicht übernehmen.

Wir müssen erkennen: Diese Menschen werden nicht unsere von früh auf überbehüteten, verschulten Bildungsmethoden übernehmen. Wir müssen Ausbildungen schaffen, die ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechen. Während in Schulen „testen, benoten, aussieben“ gilt, ist hier der Grundsatz richtig „üben statt sieben – bis es die Gruppe kann.“ Dann stellen sich Gruppendynamik, Kameradschaft und kein falscher Ehrgeiz, keine Ab- und Ausgrenzung ein.

Außerdem hat die frühere Bundesarbeitsministerin Nahles (SPD) erkannt, dass manchen die notwendigen Arbeitstugenden fehlen. Sie forderte die Durchsetzung von Pünktlichkeit. Weitere Anforderungen kommen hinzu. Die Teamfähigkeit mit „offen, ehrlich und zuverlässig“ erreichen wir nur in landsmannschaftlich zusammengesetzten Einheiten. Das Gegenteil ist der Kampf der Nationalitäten und Religionen, den wir aus den Flüchtlingsunterkünften kennen.

Theoretische Unterrichte, auch deutsche Sprachkurse sind der falsche Weg. Bis das alles durchgezogen ist, ist das halbe Leben vorbei. Afghanen und Afrikaner sind oft Analphabeten. In ihrer Muttersprache sollten sie lesen und schreiben lernen. Wir müssen sie dort abholen, wo sie sind. Dazu gehört unbedingt auch Sport.

Zur Veranschaulichung seien zwei gegensätzliche Ausbildungsmethoden vorgestellt. Vor Jahren wollten zwei Beamte im Urlaub etwas erleben, einen Fallschirmspringerlehrgang machen. Sie gingen zu einem Stuttgarter Verein.  Ein Stapel von Büchern über das Fliegen und Aerodynamik im Allgemeinen sowie das Springen mit dem Fallschirm im Besonderen wurde ihnen auf den Tisch gelegt. Es war Spätsommer. Das sei gut, meinten die Stuttgarter. Denn sie könnten über den Winter die Bücher studieren, den Unterricht besuchen und im Frühjahr dann mit dem praktischen Üben beginnen.

Die beiden waren tief enttäuscht. So hatten sie sich ihren Urlaub und ihr Abenteuer nicht vorgestellt. Da fand einer von ihnen in einer überregionalen Zeitung eine Anzeige. Angeboten wurde ein Fallschirmspringerlehrgang auf der Insel Texel in Holland. Der Kurs dauerte 14 Tage und in dieser Zeit durfte jeder mindestens viermal vom Himmel springen. Vorkenntnisse waren nicht nötig.

Die beiden sind nach Texel gereist. Am ersten Tag wurden ihnen die Springer gezeigt, die vor einer Woche angekommen waren. Sie schwebten bereits vom Himmel. Ihnen wurde gesagt, dass sie dies in der nächsten Woche auch täten. Sie wurden nun gefragt: „Was ist das Wichtigste, wenn Sie oben aus dem Flugzeug gesprungen sind?“ Die richtige Antwort: „Der Fallschirm muss sich öffnen!“ „Genau, und das passiert nur, wenn Sie den Schirm richtig zusammengefaltet haben. Das wollen wir nun üben; so lange üben, bis es jeder kann! Zusammenfalten muss jeder seinen Schirm selber, schließlich hängt das eigene Leben dran.“ Alle übten innig und mit großer Hingabe.

Die zweite Schwierigkeit, so wurde erklärt, ist das Landen ohne Beinbruch. Deshalb lernten sie ebenfalls ab dem ersten Tag von einem Turm das richtige Aufkommen auf dem Boden. Und statt im Frühjahr sind die beiden noch im Herbst viermal mit den Fallschirmen vom Himmel geschwebt. Das war unwissenschaftlich, aber sehr gekonnt.

Wenn das Friedensheer schnell und erfolgreich Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten usw. ausbilden will, dann ist diese Art des Lernens eine Grundvoraussetzung für den Erfolg.

Betrachten wir die Kosten. Es ist mit hohen Sozialhilfen zu rechnen. Nach Hans Werner Sinn ist „angesichts der geringen Qualifikation der überwiegenden Zahl der Flüchtlinge zu einem erheblichen Teil eine Immigration in die Arbeitslosigkeit“ zu erwarten. Die wirklichen Kosten seien ein Tabu-Thema. (Handelsblatt, 30.03.2016)

Jedenfalls wird die Ausbildung im Friedensheer nicht nur nützlicher, sondern schon mittelfristig kostengünstiger sein als Hartz IV mit allen Zusatzleistungen (Mietkosten usw.). Vernünftiger und humaner ist sie in jedem Fall. Die Bleibeabsichten und Bleibeaussichten sind ebenfalls ein Tabu-Thema. Es wird ständig nur von Integration geredet. Hält die Politik das wirklich für möglich, wenn jeder junge Flüchtling (70 – 80 %) durchschnittlich noch fünf Familienangehörige nachziehen will?

Im Friedensheer haben die ausländischen Dienstpflichtigen die Chance, in 18 Monaten eine solide, begabungs- und bedarfsgerechte Berufsgrundausbildung zu erhalten. Bei einer freiwilligen Dienstverlängerung auf 24 Monate und Bestehen einer Eignungsprüfung sollte ein vollwertiger Berufsabschluss möglich sein. Danach haben sie die Aussicht, in ihrem Kulturkreis eine persönliche und berufliche Existenz aufzubauen und ihrem Land Nutzen zu stiften. Das muss ebenfalls mit Unterstützung des Friedensheeres geschehen, das wie jede Wehrpflichtarmee auch aktive Friedenssoldaten (Kader) hat, die generalstabsmäßig planen und arbeiten.

Wie jede Wehrpflichtarmee sollte das Friedensheer geeignete Dienstpflichtige zu Unterführern (Meisterebene) und gehoben Führungskräften (Management) ausbilden. Ziele sind, „Reservisten führen Reservisten“ und „Landsleute führen Landsleute“. Daraus können Friedensheere in den Heimatländern herauswachsen. – Es wäre ein großer Gewinn für die Menschheit, wenn viele Länder die großen Anstrengungen, die sie in Überzeugungs-, Glaubens- und Machtkämpfe, in Kriege und Rüstungen stecken, für den Frieden und ihren eigenen Wohlstand einsetzen würden. – Friedensheere für alle Länder!

Ein solcher Strategiewechsel, der auch die Landesverteidigung stärkt, dürfte bei uns über alle Parteien hinweg konsensfähig sein. Gleichzeitig könnte die Nato-Forderung, die Verteidigungsausgaben auf 2 % des BIP, also von rund 15 auf 30 Mrd. Euro zu erhöhen, zügig und sinnvoll umgesetzt werden.

(Im Teil 2 werden die Organisation und der Nutzen des Friedensdienstes für deutsche Dienstpflichtige erörtert.)

Dr. Gerhard Pfreundschuh ist Landrat a. D und Major d. R. Er studierte Recht, Geschichte und Wirtschaft. Er ist Autor der Bücher „Das Militär“ (2014) und „Soziale Volkswirtschaft“ (2017). Er ist Mitglied der Clausewitz-Gesellschaft.

Roland Ziegler, Oberst d. R. (ehemaliger Kdr. Heimatschutzregiment 75 „Alt-Württemberg“) war Landesvorsitzender des Verbands der Reservisten der Bundeswehr (VdRBw) in Baden-Württemberg, Vizepräsident des VdRBw und ist Past-President von CIOR (Internationaler Dachverband nationaler Reserveoffiziersvereinigungen).

43. Die Bringschuld der Wissenschaft

Tagesgedanke:

Die Wissenschaft verschafft uns immer schneller, immer mehr Wissen. Der Überblick und das Verständnis der Zusammenhänge werden immer wichtiger. So wird Bildung zur Bringschuld der Wissenschaftler.

 

Zum Nachdenken über Tags:

Wir müssen hier unseren Tagesgedanken „39. Erziehung und Bildung, Weisheit und Wissenschaft“ fortsetzen. Bildung vermittelt Orientierung im Leben, Überblicke und Verständnis der Zusammenhänge. Wissenschaft will es dagegen ganz genau wissen. Sie dringt bis zu den Einzelheiten und Besonderheiten ihres Faches vor.

Oft sieht es so aus: Je mehr wir wissen, umso weniger verstehen wir.

Was ist passiert? Die Fortschritte in Wissenschaft und Technik, in Staat und Gesellschaft haben sich so beschleunigt, dass wir sie oft nicht mehr ordnen und verstehen können. Vor uns liegt dann ein Durcheinander. Die Entschuldigung heißt: Die Welt ist zu ‚komplex‘ geworden.

‚Komplex‘ und ‚kompliziert‘ heißt auf Deutsch ‚verwickelt‘. Doch was verwickelt ist, das müssen wir entwickeln, aufrollen und durch klares Denken offenlegen. Hier haben Wissenschaftler und Bildungspolitiker eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft, der Jugend und den Bürgern. Sie müssen ihre Erkenntnisse in allgemein verständliche Bildung umformen, damit die Bürger sie für Lösungen nutzen können.

Es war ein Markenzeichen deutscher Denker und Gelehrter, ihr Wissen und ihre Wissenschaften sauber zu strukturieren, klar und verständlich darzustellen. Hier ist viel verloren gegangen. Für die Richter und Juristen sagte 2011 Konrad Redeker (1923 – 2013), der langjährige Herausgeber der bekannten NJW (Neue Juristische Wochenschrift): „Urteile brauchen eine knappe und schlichte Sprache. … Aber in der knappen und schlichten Sprache eines Urteils sollte hiervon nur das wiederkehren, was letztlich entscheidungserheblich ist. Die Parteien sollen den Gedankengang des Urteils nachvollziehen können…“ [Handelsblatt, 26.04.2011, S. 18]

Nehmen wir dazu ein Beispiel aus der heutigen höchstrichterlichen Rechtsprechung. Ein Leitsatz des Bundesverwaltungsgerichts zeigt die ‚Untherapierbarkeit‘ der Richter:

„Die fehlende Therapierbarkeit eines bei Wiederaufnahme der Arbeit möglichen Wiederauflebens depressiver Symptome, die primär auf geringer Arbeitsmotivation nicht nur für einen konkret zugewiesenen Arbeitsplatz, sondern auch allgemein für jeden anderen amtsgemäßen und laufbahntypischen Einsatz in der Verwaltung der Bundeswehr beruht, ist bei amt- und fachärztlich festgestellter allgemeiner Dienstfähigkeit als Arbeitsverweigerung und schuldhaftes Fernbleiben vom Dienst zu werten. Ein solcher Fall liegt hier zur Überzeugung des Senats vor.“ [Bundesverwaltungsgericht, Beschluss des 1. Disziplinarsenats vom 26.02.2003.]

 

Zur Vertiefung:

„Es ist ein Beweis hoher Bildung, die größten Dinge auf die einfachste Art zu sagen.“ [Ralph Waldo Emerson [1803–1882]; amerik. Philosoph und Schriftsteller]

Als der Journalist und spätere DDR-Beauftragte Günter Gauß 1966 Adenauer fragte, ob er die Bezeichnung ,,Großer Vereinfacher der Politik“ als Lob oder Abwertung verstehe, antwortete er: ,,Das halte ich für ein ganz großes Lob. Denn in der Tat, man muss die Dinge auch so tief sehen, dass sie einfach sind. Wenn man an der Oberfläche der Dinge bleibt, sind sie nicht einfach; aber wenn man in die Tiefe sieht, dann sieht man das Wirkliche, und das ist immer einfach.“ [Süddeutsche Zeitung, 23.02.2001, S. 10]

Um das zu verstehen, müssen auch wir in die Tiefe gehen.

Wissenschaft schreitet in drei Stufen voran. Es beginnt mit der beschreibenden Wissenschaft. Die Forscher sammeln und ordnen z.B. die Pflanzen wie Otto Schmeil (1860 – 1943). Otto Schmeil, Sohn eines Lehrers, war zunächst Volksschullehrer. Er gilt als großer Reformer des Naturkundeunterrichts. „Seine Bücher zeichneten sich durch einen leicht verständlichen Text, Tafeln, Zeichnungen und – erstmals für ein Biologielehrbuch – auch Fotografien aus.“ Sein mit Jost Fitschen, ebenfalls Lehrer, erarbeitetes Pflanzenbestimmungsbuch „Flora von Deutschland und seinen angrenzenden Gebieten“ erschien erstmals 1903 und wurde in viele Sprachen übersetzt. Es hat inzwischen 95 Auflagen mit 2,5 Mio. Exemplaren.

Wenn die beschreibende Wissenschaft die Begriffe bestimmt und geordnet hat, dann werden auch Überblicke und Zusammenhänge erkennbar. Es werden Modelle über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung gebildet. Ein in sich schlüssiges Gebäude von Modellen wird Theorie genannt. Der Schritt zur erklärenden Wissenschaft ist vollzogen. Charles Darwin hat zum Beispiel durch seine lebenslangen Vergleiche der Tierarten eine Theorie für die Stammesgeschichte der Lebewesen geschaffen (Evolutionstheorie). Und dann wurde erkannt, dass jeder Mensch von der befruchteten Eizelle bis zur Geburt wieder alle Stadien dieser Entwicklung durchläuft. Die Ontogenese (Menschwerdung) ist eine Wiederholung der Phylogenese (Stammesentwicklung), sagen die Biologen.

Jetzt sind wir bei der voraussagenden, anwendungsbezogenen Wissenschaft. Wir können sagen, dass aus der Befruchtung einer Eizelle die Geburt des entsprechenden Lebewesens folgen kann. In den Naturwissenschaften ist es aufgrund der Naturgesetze leicht, feste Zusammenhänge von Ursachen und Wirkungen zu erkennen und vorauszusagen. Doch die Wirtschaftswissenschaften haben diesen Ehrgeiz auch, obwohl sie eine Geistes- oder Humanwissenschaft sind. Aufgrund der Unberechenbarkeit der Menschen liegen sie oft falsch.

Aus diesem Grund haben die Liberalen und Neoliberalen den „Homo oeconomicus“ erfunden. Wir können ihn den „wirtschaftlich vernünftigen Menschen“ nennen. Denn nach dieser Vorstellung handeln alle Marktteilnehmer immer nur eigennützig und vernünftig. Selbstsucht und puren Egoismus warfen und werfen daher zu Recht die Linken den Liberalen vor.

Einer der ersten, der am gründlichsten den Homo oeconomicus kritisierte, ist der deutsche Volkswirt und Mathematiker Reinhard Selten (geb. 1930 in Breslau). „Ein durchgängig überlegenes Paradigma, das ihn [= homo oeconomicus] ein für alle Mal ablösen könnte, hat sich, auch mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem Selten mit seiner Forschung begonnen hat, nicht herausgebildet.“ [Lisa Nienhaus, Die Weltverbesserer, München 2015, S. 91] Nur ein berechenbarer Homo oeconomicus lässt sich in die mathematischen Modelle einbauen.

Kehren wir zurück zur Bringschuld der Wissenschaftler und Bildungspolitiker. Sie sind Teil der Gesellschaft und werden weithin über öffentliche Gelder und Steuern finanziert. Sie haben einen gesellschaftlichen Auftrag, gerade im Bürgerstaat.

Wenn die Wissenschaftler ihr Fachwissen genau und sorgfältig ausarbeiten, dann können sie es auch der Öffentlichkeit einfach und verständlich darstellen.

Ein Beispiel aus der Betriebswirtschaftslehre (BWL) ist die „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ von Günter Wöhe. Heute heißt es dazu vom Verlag: „Dieses Lehrbuch eignet sich besonders als Einführung, da spezielle betriebswirtschaftliche Kenntnisse nicht vorausgesetzt werden und dennoch das gesamte Wissen der Betriebswirtschaftslehre in klarer Systematik und gut verständlicher Sprache dargeboten werden.“ Den „Wöhe“ gibt es nun seit über 50 Jahren; und er ist immer noch mit 1,5 Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte BWL-Buch der Welt.

42. Brexit – Chance oder Katastrophe?

Tagesgedanke:

Bleibt in der EU alles beim Alten, dann führt das in die Katastrophe.

Wir haben die Chance, die EU von unten nach oben zu erneuern.

Die Chance wird  groß, wenn Großbritannien daran beteiligt wird.  

 

Zum Nachdenken über Tags:

Als erstes wurden nach dem Brexit die Wähler, der Souverän nach den Regeln der Demokratie, beschimpft. Die Brexit-Befürworter wurden als überdurchschnittlich dumm, provinziell und alt bezeichnet. Wenn mehr als die Hälfte einer Nation für etwas stimmt, dann ist es dreist und unverschämt, sie alle für dumm zu erklären. Schulbildung ist ohnehin ein sehr zweifelhafter Maßstab; gesunder Menschenverstand, die Briten sagen Common Sense, ist bei strategischen Entscheidungen viel wichtiger.

Die nächste Anmaßung ist das Anlegen der Axt an unser demokratisches Fundament: „Weitere Volksabstimmungen wären eine Katastrophe“ –  Wollen die da oben wirklich gegen das Volk regieren und als Lösung nur die Revolution, hier das Zerbrechen der EU?

Populistische Politiker und die jeweiligen Regierungschefs (in GB: Cameron, in NL: Rutte) seien am Ausgang der Abstimmungen schuld. „Denn die Populisten vereinfachen, übertreiben, verspotten und machen Angst“, sagen sie. Genau das tun auch die etablierten Politiker, und zwar um keinen Deut weniger. Im Übrigen sind das nicht nur die rhetorischen Mittel an Stammtischen, sondern auch im Kabarett: nur für jeweils andere Zielgruppen. Der Kampf um die Macht kennt heute gerade bei den Altparteien keine Hemmungen.

Zwei Entschuldigungen sollten kluge Politiker nie vorbringen: (1) Wir wurden nicht verstanden, obwohl wir recht hatten. (2) Wer nicht unserer Meinung ist, der ist dumm oder gar böswillig.

Wer das macht, der sucht bei den Falschen nach den Ursachen. Denn unverzichtbare Eigenschaften politischer Führungskräfte sind, und zwar in genau dieser Reihenfolge: Vertrauen, Voraussicht, Sachverstand, Durchsetzung, Bürgernähe. Wer das nicht kann, sollte aufhören.

 

Zur Vertiefung:

Der Brexit wird nur zur Chance, wenn die weithin ungeliebte und in großem Umfang erfolglose EU von unten nach oben reformiert wird. Denn sie ist wie ein Zentralstaat aufgebaut, regiert von oben nach unten durch, lässt den Mitgliedsländern und den Bürgern keine Luft mehr zum Atmen.

Es ist aber ein Urbedürfnis jedes Menschen selbst zu tun, was er selbst kann. Das wissen inzwischen schon die Betreuer von Behinderten. Letztere werden nämlich aufsässig, wenn sie z.B. gefüttert werden, obwohl sie selbst essen können. Doch für die Betreuer geht es einfacher und schneller, alles selbst in die Hand zunehmen. Zurück bleiben Menschen, die satt und sauber, mit Psychopharmaka ruhig gestellt in ihren Betten liegen. Das würden die Brüsseler Bürokraten am liebsten mit uns allen machen: Satte, saubere und vor allem ruhig gestellte Konsumenten sollen wir sein.

Kein anderer als der ehem. EU-Kommissar Günter Verheugen sagte, als er aus dem Europadienst ausgeschieden war: „Der Ruf nach mehr Europa wird von den Bürgern des Kontinents eher als Bedrohung denn als Verheißung empfunden.“ [Wolfgang Koydl, Die Besserkönner, Was die Schweiz so besonders macht, Zürich 2014, S. 205]  Wir ergänzen: Denn jede Reglung von oben ist eine Freiheitsberaubung unten.

Hier muss die Reform ansetzen. Jede Ebene – von der Gemeinde über die Bundesländer oder Provinzen bis zu den Nationalstaaten – muss wieder alles selber machen dürfen, was sie selbst kann. Und das müssen die betroffenen Ebenen bei einer EU-Reform selbst, ohne EU-Bürokraten und EU-Abgeordnete, entscheiden. Denn die Politiker jeder Ebene wollen möglichst viel Macht, am Besten alle.

Es muss endlich vertraglich oder in einer EU-Verfassung klar gestellt werden, dass Brüssel nur für das zuständig ist, wofür es nach eindeutigem Wortlaut ermächtigt ist. Heute spricht die EU nur allgemein von „Politiken“ (z.B. Binnenmarktpolitik), und die sind ins Unendliche dehnbar. Verfassungen in Bundesstaaten stellen fest: Der Bundesstaat ist nur für das zuständig, wofür ihn die Verfassung ausdrücklich ermächtig (Art. 30 GG, Art. 42 Schweizer Bundesverfassung). Alles Übrige ist Länder- bzw. Kantons- oder Gemeindesache. Unsere Gemeinden könnten auch mehr, als sie dürfen.

Fast an jedem Artikel der Schweizer Verfassung steht als Fußnote: „Angenommen / Aufgehoben in der Volksabstimmung vom …“

Eine EU-Verfassung oder ein Maastricht- bzw. Lissabon-Vertrag müsste ebenfalls durch Volksabstimmungen in den Mitgliedsländern angenommen werden. Das Gleiche gilt für so zukunftsweisende Abkommen wie TTIP, TiSa oder EU-Erweiterungen. Wenn die Politiker das Volk nicht überzeugen können, dann dürfen sie es nicht zwingen können. Das wäre nach urdemokratischem Verständnis Verfassungsbruch. Nicht so sehen das EU- und anderer Politiker. Delors, ehem. EU-Präsident, meinte: „Wir können gar nicht demokratisch sein in der EU. Sonst bringen wir unsere Projekte ja nicht durch.“ Schweizer und andere Demokraten sagen dazu: „Etwas, das wir nicht durchbringen, dürfen wir gar nicht erst machen.“ [Koydl, a.a.O., S. 148] Schweizer  leben damit gut und glücklich.

Nun meinen Angela Merkel und die Masse der Altparteien, vieles sei „alternativlos“. Das stimmt grundsätzlich nicht. Wer nur etwas die Geschichte kennt, der kennt das Gegenteil. Adel und Geistlichkeit, die Wahrheiten oder Dogmen der Kirchen – wurden weggefegt. Lassen wir es nicht darauf ankommen. Evolution ist immer besser als Revolution.

Heute gilt das gerade für die Grundwahrheiten oder Dogmen des Neoliberalismus. Er wird von vielen Seiten und vor allem von unten in die Zange genommen. Die Menschen als verschiebbare „Produktionsfaktoren“ zu behandeln, der „Geldschöpfung ohne Wertschöpfung“ die Welt zum Kauf anbieten, TTIP gegen das Volk durchzuboxen, die Türkei in die EU aufzunehmen, die Grenzen frei passierbar, ohne Pässe und Visa, das alles wird auf Dauer nicht gehen.

Hier anzusetzen ist die Chance; hier zu beharren führt zur Katastrophe. Die Briten müssen selbst ihr „Großbritannien“ föderativ und basisdemokratisch reformieren; sonst laufen ihnen die Schotten, vielleicht auch die Waliser und Nordiren davon. Mit ihnen zusammen und mit ihrem traditionellen „Common Sense“, dem gesunden Menschenverstand Europa von unten zu erneuern, das ist die Chance, die im Brexit steckt.

40. Schulen, Hochschulen, Universitäten

Tagesgedanke:

Schulen, Hochschulen und Universitäten haben jeweils ureigene und wichtige Aufgaben im Bildungswesen des Bürgerstaats. Klare Ziele und Verantwortungen führen zum Erfolg.

Zum Nachdenken über Tags:

Der Bürgerstaat denkt von den Bürgern bzw. Nutzern her, also von den Schülern und Studenten, vom Staat, der Wirtschaft und Gesellschaft. Dabei ist das erste politisch-strategische Ziel der Schulen, Hochschulen und Universitäten, die Eingliederung der jungen Menschen in die Erwachsenen- und Erwerbswelt. Für das Leben lernen wir. Wir denken vom Ziel her.

Dazu müssen die Bildungs- und Ausbildungsangebote begabungs- und neigungsgerecht sein. Jeder kann etwas. Wir brauchen Bildungswege für die praktisch und für die theoretisch Begabten.

In einer einseitig „wissenschaftlich“ ausgerichteten Bildungswelt fallen alle Praktiker mehr oder weniger schnell durch den Rost. Viele Begabungen bleiben ungenutzt, viele Menschen werden grundlos zu Versagern.

Das deutsche „duale Ausbildungssystem“ kann die Lösung sein. Es muss nur folgerichtig und durchgängig bis zum Hochschulabschluss ausgebaut werden.

Schauen wir uns unter diesen Gesichtspunkten genauer die Schulen, Hochschulen und Universitäten an.

Zur Vertiefung:

Die Grundschulen haben den Auftrag, erste Erziehungs- und Bildungsziele alters- und kindgerecht  zu erreichen. Dabei liegt in der Beschränkung die Meisterschaft.

Es ist unverzichtbar, dass wir uns nochmals an Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) erinnern: „Wer weiß, wie viele Kinder als Opfer der überspannten Weisheit eines Vaters oder Erziehers zugrunde gehen? Glücklich, ihren Grausamkeiten zu entkommen … Menschen, seid menschlich … Liebet die Kindheit, fördert ihre Spiele, ihre Freuden, ihr liebenswürdiges Wesen!“ [Jean-Jacques, Rousseau, Emil oder Über die Erziehung, Paderborn 1971 ff., S. 55]

Erziehungsziele sind ein guter, kameradschaftlicher Umgang miteinander, die Achtung der Lehrer und die Gewissenhaftigkeit beim Lernen, damit sich Erfolge einstellen. Erfolge sind erreichte Ziele.

Bildungsziel der Grundschule ist eine mittelschultaugliche Beherrschung des Lesens, Schreibens und Rechnens. Ob das den Lehrern gelungen ist, muss eine zentrale, staatliche Abschlussprüfung nach der 4. Grundschulklasse zeigen. Wer lehrt, darf dabei nicht prüfen; denn die Lehrkräfte werden mit geprüft.

Ein guter Lehrer ist nicht, wer gute Noten gibt, sondern der, bei dem möglichst alle Schüler die Prüfung bestehen. So werden die Erfolge vergleichbar.

Die Mittelschulen oder Realschulen haben alle Schüler so zu erziehen und zu bilden, dass sie ausbildungstauglich sind. Dass es daran mangelt, ist heute Land auf, Land ab zu hören.

Hier müssen wir uns etwa klar machen. Das heutige Bildungssystem ist grundsätzlich viel zu theorielastig und zu praxisfern. Das liegt an der Wissenschaftsgläubigkeit der rechten und der linken Bildungsbürger. Das begann vielleicht harmlos mit Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) und den Neuhumanisten. Akademische Ausbildung wurde damals im Gegensatz und in Konkurrenz zum Adel zum Standessymbol. Dem standen die Verachtung der bürgerlichen Pedanten durch den Adel und die Abneigung der Handwerker gegen „gelehrte Standesgenossen“ gegenüber. Die Praktiker verachteten die Theoretiker. [vgl. z.B. Rudolf Stadelmann und Wolfram Fischer, Die Bildungswelt des deutschen Handwerkers um 1800, Berlin1955]

Die mittelalterlichen Dome und Schlösser, die alten Stadtkerne und die oberdeutschen Bauerngehöfte schufen Baumeister und Handwerker, keine studierten Architekten. Nicht jeder Handwerker war ein Künstler, aber jeder Künstler war damals ein Handwerker. Erst mit dem Maschinenzeitalter starb die alte Kunst und die neuen Künstler waren dann oft Bohemiens, die sich gegen die bürgerliche Gesellschaft stellten.

In Mitteleuropa haben sich bis heute das Handwerk, die praxisnahe Ausbildung durch das Handwerk und eine „duale Ausbildung“ bis in die Industrie erhalten. Wo die Westeuropäer und die USA polytechnische und andere Studien verlangen, macht man bei uns eine grundsolide Lehre. Das hat die OECD mit ihrer ständigen Forderung nach mehr Studenten bis heute nicht kapiert; nur wundert sie sich über die viel geringere Arbeitslosigkeit.

Wir brauchen in unserem Bildungs- und Ausbildungswesen nicht weniger, sondern mehr Praxisnähe und Berufstauglichkeit.

Wir haben (1.) schon berufliche, d.h. Technische und Kaufmännische Gymnasien. Sie brauchen noch einen passenden Mittelschul-Unterbau. Das wären praxisnahe „Technische und Kaufmännische Mittelschulen“. Das wurde eingehender schon im Blog-Bericht „Mittlere Reife für alle“ dargestellt. Es muss hier nicht nochmals besprochen werden.

Dann muss (2.) das „Duale Bildungssystem“ durchgängig, von der Mittleren Reife bis zum Hochschulabschluss weiter ausgebaut werden. Die Ansätze sind vorhanden. Wir müssen nur noch die Berufsschule zur Berufsoberschule aufwerten. Wer in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch dort das Zentralabitur macht, hat die „Allgemeine Hochschulreife“. Der Weg über die „duale Lehre“ ist dann kein Umweg mehr, sondern gleich lang und gleichwertig.

Wir haben (3.) „Duale Hochschulen“, deren Vorläufer die bewährten deutschen Ingenieurschulen waren. Als sie zugunsten der Fachhochschulen (FH) abgeschafft wurden, haben einige baden-württembergische Unternehmen Berufsakademien geschaffen. Nach langem Kampf wurden sie deutschlandweit als gleichwertige FH anerkannt und erlebten einen geradezu kometenhaften Aufstieg. Denn sie verbinden praktische Ausbildung in meist mittelständischen Unternehmen mit theoretischer Ausbildung an der „Dualen Hochschule“. Die Studierenden bekommen im Betrieb eine Ausbildungsvergütung und werden danach zu über 80% von ihren Ausbildungsfirmen übernommen.

Das alles hat sich fast unbemerkt von den rechten und linken Bildungsbürgern ereignet. Denn die bekämpfen sich seit Jahrzehnten in einem gnadenlosen ideologischen Grabenkrieg.

Die konservativen Bildungsbürger wollen die dreigliedrige Schule mit Haupt-, Realschule und Gymnasium, womit eindeutig eine gesellschaftliche Wertung verbunden ist. Es gibt danach gescheite und weniger gescheite sowie dumme Schüler.

Die linken Bildungsbürger wollten dem die Gesamt- oder Einheits- oder Gemeinschaftsschule entgegensetzen. Alle sollten die gleiche Schule besuchen. So sollten die Standes- und Bildungsunterschiede verschwinden. Das Ergebnis sind auch hier Theorielastigkeit und Praxisferne. Genau das liegt vielen jungen Menschen nicht.

Da alle Eltern das Beste für ihre Kinder wollen, folgen sie inzwischen dem Ruf der Alt-68-er: „Schick Deine Kinder länger auf besser Schulen.“ Man beachte diese Wertung durch die Linken!

Heute gehen 50 %, in bürgerlichen Stadtteilen sogar 80 – 90 % der Schüler aufs Gymnasium. Alle Bemühungen es abzuschaffen, scheiterten bisher.

All diese Bildungsbürger aus der rechten und der linken Ecke liegen falsch. Es gibt eben theoretisch und praktisch Begabte. Eine Wertung ist hier völlig fehl am Platz. Werkmeister  stiegen vor Jahren noch in höchste Führungsaufgaben auf und waren sehr erfolgreich. Über die unerfahrenen Jungakademiker, die ahnungslos in Betriebe und Werkhallen kommen und alles auf den Kopf stellen wollen, fluchen viele Werkmeister und erfahrene Facharbeiter.

George Turner, langjähriger Präsident der Rektorenkonferenz und Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin, klagte öfter in der Presse, dass bei uns die praktisch Begabten durch den Rost fallen [z.B. Handelsblatt, 15.02.2012]. Viele Begabungen gehen dadurch verloren, kommt zu Schulversagern. Das führt zu der von Peter Glotz (SPD) heraufbeschworenen 2/3-Gesellschaft mit einem Drittel „Prekariat“, das für nicht ausbildungsfähig erklärt wird (Blog-Bericht Mittelstand für alle“).

Nun haben wir heute einen weiteren unentschiedenen Grabenkrieg im Hochschulbereich. Hochschule war früher ein Überbegriff für Fachhochschulen (FH) und Universitäten. Seit die Fachhochschulen sich nur noch Hochschulen nennen, haben die Universitäten ein Problem. So nannte sich die „Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften“ in Speyer kürzlich um in „Verwaltungsuniversität“; man ist schließlich eine vollwertige Uni. Und der Titel „Professor“ ist auch nicht mehr aussagekräftig. Wer es darf, der nennt sich „Univ.-Prof.“

Die FH sind stark angewachsen. Inzwischen gibt es rund 200 Fachhochschulen und 90 Universitäten. Der Druck, alle Unterschiede einzuebnen, ist gewaltig. Auch das Promotionsrecht wollen sie, manche wie die Steinbeis Hochschule Berlin haben es schon.

Ziel der Bologna-Reform ist eine fast weltweite Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse. Dazu habe 29 europäischen Staaten vereinbart, alle Studien nach angelsächsischem Vorbild in ein Bachelor- und ein Masterstudium aufzuteilen. Die Fachhochschulen sollten dabei ein praxis- und berufstaugliches Bachelorstudium anbieten. Ihre Dozenten sollten mindestens fünf Berufsjahre außerhalb der Hochschulen gearbeitet haben. Der „Master“ hätte dann unseren früheren Diplomabschlüssen an den Universitäten entsprochen. Nun bieten die FH auch den Master und die Universitäten auch den Bachelor an.

Viele meinen heute, dass der Bachelor dem Vordiplom oder der früheren Zwischenprüfung mehr entspricht als einem verwertbaren, berufstauglichen Hochschul-Abschluss. Das Ganze hätte zusammengepasst, wenn die Fachhochschulen wie ursprünglich vorgesehen berufsbezogen ausgerichtet worden wären.

Tatsächlich strömten in erheblichem Umfang Dozenten, die im akademischen Mittelbau der Universitäten hängen gebliebenen waren, an die FH und wurden so zu Professoren. Nun liegt ihr ganzer Ehrgeiz darin, auch alle Unterschied zu den Universitäten abzuschaffen; was dort auf erbitterten Widerstand stößt.

Wie könnte die Lösung aussehen? Aus der Sicht und den Bedürfnissen der Studenten wäre die Lösung einfach. Ein praxistaugliches Berufsstudium mit dem Abschluss Bachelor sollten nur die FH anbieten, den Master nur die Universitäten.

Fast 50 % eines Jahrgangs studieren heute. Nur ein verschwindender Prozentsatz will eine akademische, d.h. Hochschullaufbahn, einschlagen. Die Masse oder fast alle gehen in einen Beruf. Da ist eine berufs- und praxistaugliche Ausbildung geradezu ein Muss. Jeder Student sollte daher zuerst ein praxisnahes Berufsstudium an einer FH durchlaufen. Wer anschließend den Master machen will, hat schon einen beruflichen Abschluss, selbst wenn er das Studium abbricht oder durchfällt. Bei den Juristen ist das oft ein Drittel, an Technischen Universitäten bis zu 70 % [Die Zeit, 27.01.2011].

Der Bachelor, früher Dipl. (FH), eröffnet Berufe auf der Ebene einer gehobenen Fach- und einer mittleren Führungskraft (z.B. gehobener Dienst in der Verwaltung). Eine deutsche Meisterprüfung im Handwerk entspricht diesem Abschluss und sollte auch den Zugang zur Universität mit Master-Prüfung ermöglichen.

Für die Universitäten wäre es ein großer Vorteil, wenn sich die Universitäts-Professoren grundsätzlich aus dem Kreis junger, bewährter FH-Professoren mit mindestens fünfjähriger Berufserfahrung rekrutierten. Die Fachhochschulen wären mit den Universitäten verknüpft und aufgewertet. Dann gäbe es z.B. keine Univ.-Prof. mehr für Betriebswirtschaftslehre, die nie einen Betreib von innen erlebt haben. Das wäre das Ende der akademischen Inzucht im Elfenbeinturm.

39. Erziehung und Bildung, Weisheit und Wissenschaft

Tagegedanke:

„Um den Staat zu erneuern, müssen wir zuerst die Begriffe klären.“   nach Konfuzius

 

Zum Nachdenken über Tags:

Erziehung und Bildung, Weisheit und Wissenschaft bedeuten Unterschiedliches. Wer das nicht erkennt, kann unser Bildungssystem nicht reformieren – und es ist sehr reformbedürftig.

Erziehung vermittelt Werte und Verhaltensweisen. Ein guter und friedlicher Umgang miteinander ist ein Ziel, eigenverantwortliche und gemeinschaftsfähige Erwachsene ein weiteres. [§ 1 Kinder- und Jugendhilfegesetz]  Das beginnt in frühster Kindheit durch die Eltern.

Bildung will dagegen den Kindern und auch den Erwachsenen helfen, die Welt zu verstehen. Orientierung im Leben, Überblicke und Zusammenhänge sind zu erkennen und zu verstehen. Bildung allein macht den Menschen noch nicht gut.

Bildung ohne Erziehung führt zu Gewalt und Unterdrückung. Das erkannten z.B. Verhaltensforscher, die antiautoritäre Kinderläden mit herkömmlichen Kindergärten verglichen. Und es gibt hochgebildete Verbrecher, Terroristen und Massenmörder.

Wissenschaft will es dagegen ganz genau wissen. Sie dringt bis in die Einzelheiten und Besonderheiten eines Fachgebiets vor.

Bildung ist grundsätzlich schwerer zu vermitteln als Wissenschaft. Denn Bildung verlangt Abstraktion, auf Deutsch Verallgemeinerung. Es wird von den Besonderheiten abgesehen (abstrahiert) und das allen Gemeinsame bei den betrachteten Dingen herausgearbeitet. Abstraktes Denkvermögen ist eine besondere Befähigung. Viele können die letzten wissenschaftlichen Einzelheiten vortragen, aber den Schülern oder Mitmenschen keinen Überblick und keine Zusammenhänge vermitteln. Wirklich gute Wissenschaftler brauchen beides. Sie müssen schnell von einer neu entdeckten Einzelheit zur Gesamtschau umschalten können. Je mehr jemand zum Fachidiot wird, umso schwerer fällt ihm das.

„Es ist ein Beweis hoher Bildung, die größten Dinge auf die einfachste Art zu sagen.“ [Ralph Waldo Emerson [1803–1882]; amerik. Philosoph und Schriftsteller]

Weisheit ist wieder etwas anderes. Die alten Griechen nannten die „Liebe zur Weisheit“ Philosophie; zur Wissenschaft sagten sie dagegen „mathematiké“. Diese Unterscheidung ist treffend. Philosophen mutmaßen und spekulieren viel. Dagegen verlangen Wissenschaftler den geradezu mathematischen Beweis. Im Versuch oder Experiment wollen sie prüfen, ob ihre Theorie stimmt.

Der englische Philosophie-Professor Anthony Kenny hat eine umfassende und gut verständliche „Geschichte der abendländischen Philosophie“ geschrieben. Gleich in der Einführung grenzt er ab: „Viele Wissensgebiete, die in der Antike und im Mittelalter zur Philosophie gehörten, sind längst zu eigenständigen Wissenschaften geworden. Ein Wissenszweig bleibt philosophisch, solange seine Begriffe ungeklärt und seine Methoden umstritten sind.“ [Anthony Kenny, Geschichte der abendländischen Philosophie, Band I, Antike, Darmstadt 2014, S. 11]

Die Philosophie sucht wie die Religion nach dem Sinn des Lebens und der Welt. Ein anderer Philosoph meinte einmal: „Im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren stellen die Kinder mit ihren Worten alle Fragen, die die Philosophie im Laufe der Jahrhunderte gestellt hat.“

Der Deutsche Bildungsrat forderte und erreichte ab 1970 die „Verwissenschaftlichung des Schulsystems“ mit Fachlehrern ab der 1. Grundschulklasse. – Wenn wir unsere Abgrenzung genau durchdenken, dann brauchen die Schüler und damit die Schule alles, nur keine Wissenschaft. Tatsächlich sind seither die Leistungen der Schüler stark zurückgegangen.

Zur Vertiefung:

Schockiert hieß es schon vor Jahren in vielen Zeitungen: „Rechtschreibniveau seit den 1960er Jahren extrem gesunken.“ [Die Zeit vom 13.07.06] Der Würzburger Psychologe und Leiter der Studie, Wolfgang Schneider, wurde dazu zitiert: „Wir haben für die Jugendlichen ein Diktat aus den 1960er Jahren genommen. Würde man das Rechtschreibniveau von damals zum Maßstab nehmen, wären drei Viertel der heutigen Kinder Legastheniker.“ Die Erkenntnisse stammten aus einer Langzeitstudie des Max-Planck-Instituts und der Universität Würzburg; und sie bestätigen die Vermutung, dass die „Krankheit“ Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) in großen Teilen eine Erfindung und Entschuldigung der heutigen Pädagogen ist.

Da seither wahllos „Wissenschaft“ in die Lehrpläne gepackt wird, kommt das Wesentliche und Wichtige zu kurz. Die Lehrpläne sind überfüllt. Hans Maier, ehem. bayerischer Kultusminister, wurde gefragt, warum die Entrümpelung der Lehrpläne einfach nicht gelingt. Denn das G-8 (Gymnasium in acht Jahren) verlangt das logischerweise. Er sagte im Interview der Süddeutschen Zeitung:

„Das Wort Entrümpelung ist mir im Ohr seit den siebziger Jahren. Aber damals gab es Autoritäten, die sagten: In Geographie muss man das lernen, aber das nicht. Diese Autoritäten haben wir heute nicht mehr. Das Spezialistentum ist ausgeufert, und alle bestehen darauf, dass ihr Thema das Wichtigste ist. Gerade auch die Lehrer, die nun selbst mitwirken an den Lehrplänen.“ So werden vor allem Einzelheiten statt  Überblick und Zusammenhänge vermittelt.

Schon Schüler in den ersten Klassen des Gymnasiums haben oft sechs Stunden Schule am Tag. Dann müssen sie Hausaufgaben machen und für viele Tests büffeln. Die Arbeitszeit-Verordnung der EU gilt für alle, sonderbarerweise sogar fürs Militär. Nur für die Schulkinder gilt sie nicht.

Hier ist Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778), dem Altvater der Pädagogen, zuzustimmen: „Wer weiß, wie viele Kinder als Opfer der überspannten Weisheit eines Vaters oder Erziehers zugrunde gehen? Glücklich, ihren Grausamkeiten zu entkommen … Menschen, seid menschlich … Liebet die Kindheit, fördert ihre Spiele, ihre Freuden, ihr liebenswürdiges Wesen!“ [Jean-Jacques, Rousseau, Emil oder Über die Erziehung, Paderborn 1971 ff., S. 55] Und Clausewitz wusste: „Es war schon immer ein Zeichen der Pedanten mit der Darstellung aller Einzelheiten zu beginnen.“

Meine Cousine, eine Studienrätin im Ruhestand, erklärte: „Nach 5 Jahren sind bei den jungen Leuten nur noch 20 % des Abiturwissens vorhanden; der Rest wurde vergessen.“ Jeder kann das an sich selbst beobachten, vor allem in Bereichen, die uns nicht interessieren und von denen wir nichts wissen wollten.

Schulen sind Bildungseinrichtungen und keine wissenschaftlichen Forschungsinstitute. Sie haben auch einen Erziehungsauftrag.

Der baden-württembergische Kultusminister Mayer-Vorfelder forderte 1981: „Die Lehrer müssen wieder erziehen!“ Da haben alle Lehrer im Ländle aufgeschrien. Einige zogen sogar vor die Gerichte, weil der Minister darunter auch die „christlichen und humanen Werte“ verstand. Und der Spiegel schüttete Hohn und Spott über den Minister, die Südwest-CDU und das Ländle. [Der Spiegel vom 31.08.1981]  

Die „antiautoritäre Erziehung“, besser der „antiautoritärer Erziehungsverzicht“ war ein weiteres Übel, das die Bildungsreformer unserem Bildungssystem verpassten. Aus dem Leitspruch „edel sei der Mensch hilfreich und gut“ machten sie das Dogma „edel ist der Mensch hilfreich und gut“. Dabei konnten sie sich sogar auf Rousseau berufen. Sein weltberühmter und einflussreicher Erziehungsroman „Emil oder Über die Erziehung“ (1762) beginnt: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen der Menschen.“ Hier liegen die Wurzeln des „Erziehungsverzichts.“

Eibl-Eibesfeldt hat wie gesagt Kindergärten im deutschsprachigen Raum untersucht. Vor allem hat er „herkömmliche“ Kindergärten mit antiautoritären „Kinderläden“ verglichen. Er machte eine überraschende Feststellung. Die Mädchen konnten sich in herkömmlichen Kindergärten viel besser entwickeln als in antiautoritären Einrichtungen. Denn in letzteren galt das Faustrecht. Die Älteren und die Buben setzten sich rüde und rücksichtslos gegen die Schwächeren und die Mädchen durch. Niemand hinderte sie daran. Es fehlte die Erziehung. [Eibl-Eibesfeldt – Sein Schlüssel zur Verhaltensforschung, hg. v. Wulf Schiefenhövel, Johanna Uher und Renate Grell, München 1993]

Dadurch sind inzwischen auch die „Lehrer am Limit“. Hier nochmals zum Weiterdenken der Link zur Sendung im NDR.

33. Herdentrieb: Die geistige Globalisierung

Tagesgedanke:

Durch die geistige Globalisierung verbreiten sich Irrlehren schnell und weltweit. Sie halten sich hartnäckig. Das führt zu globalen Gefahren.

Zum Nachdenken über Tags:

Beispiele für die geistige Globalisierung sind die großen Ideologien des Sozialismus bzw. Kommunismus sowie des Neoliberalismus bzw. Kapitalismus. Sie erheben wie Religionen den Anspruch, die ewig gültige Wahrheit gefunden zu haben und zu verkünden. Daneben machen kleinere Irrlehren weltweit die Runde, die meist Untermeinungen der großen Ideologien sind. Sie werden politisch und wirtschaftlich als Machtmittel eingesetzt.

Beim letzten „Tagesgedanken“ haben wir dazu als Beispiele das  Shareholder-Value-Modell [reiner Aktionärsnutzen] und die Blaupausen-Idee vorgestellt. Sie sind Sonderbotschaften des Neoliberalismus. Gleichzeitig zeigen sie, dass die angebliche „Elite“ der Manager genauso wie die Größen der Wirtschaftswissenschaft dem Mainstream, der früher Zeitgeist genannt wurde, weitgehend erlegen sind.

Diese Masse der Gleichgesinnten erkennt daher Gefahren nicht, die in ihrer Theorie nicht vorgesehen sind. Das zeigen z.B. die Finanz- und die Dauerkrise des Euro. Damit stellt sich die Frage, ob der Tanz um die angeblich „klügsten Köpfe dieser Welt“ sinnvoll und richtig ist.

Den großen, erkennbaren Gefahren wie Wachstum bis zur Katastrophe, Luftverschmutzung und Klimawandel, Bevölkerungsexplosion in Afrika und Geburtendefizit in Europa, Völkerwanderungen und Sturm auf Europa stehen sie rat- und machtlos gegenüber. Teils sind es massive Wirtschaftsinteressen, teils ideologische Scheuklappen, die Lösungen verhindern. Und sie alle berufen sich entweder auf die kapitalistische oder die  sozialistische Theorie, die ja eine gemeinsame Wurzel haben. Auch das Eine-Welt-Dorf, von dem sie träumen, wirkt als Denkblockade.

 

Zur Vertiefung:

Inzwischen herrscht ein weltweiter Herdentrieb. Der angelsächsische Neoliberalismus hat seit den 1970er Jahren auch bei uns die deutsche Tradition der Sozialen Marktwirtschaft verdrängt. Und seit dem Fall der Berliner Mauer (1989) können wir von einer „geistigen Globalisierung“ im Sinne des Neoliberalismus sprechen.

Doch dieser Neoliberalismus treibt uns in immer tiefere Krisen. Seine Theorie hat mindestens vier schwerwiegende Fehler. Das sind:

  • ein unvollkommenes Menschenbild,
  • ein fehlerhaftes Marktmodell,
  • Ratlosigkeit bei der Arbeitslosigkeit,
  • Stückwerk beim Geldmarkt.

Das Menschenbild der Wirtschaftswissenschaft ist bis heute der „Homo oeconomicus“. Das ist ein Mensch, der stets vernünftig und egoistisch und damit geradezu mathematisch berechenbar denkt und handelt. Diese Vorstellung entstammt und entspricht der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Danach laufen die Welt, die Gesellschaft und die Wirtschaft nach wissenschaftlich erkennbaren Naturgesetzen wie ein Uhrwerk ab (klassisch: Pierre-Simone Laplace 1749 – 1827). Liberale und Marxisten behaupten, das Uhrwerk zu verstehen. Gegenmeinungen werden als unwissenschaftlich und dumm oder als gefährlich und unmoralisch bekämpft.

Wer nicht nur wissenschaftlich, sondern auch militärisch ausgebildet ist, der weiß, dass der Gegner meist listig und unberechenbar ist. Das wird geübt, bis es jedem in Fleisch und Blut übergangen ist. Ökonomen denken in festgefügten Modellen, Militärs in wechselvollen Lagen. Generalstäbler durchdenken und planen, was im schlimmsten Fall zu tun ist. Die Neoliberalen und die heutigen (!) Politiker gehen davon aus, dass die „unsichtbare Hand“ oder die Globalsteuerung es schon richten. Es sind Schönwetter-Propheten. Wenn es dann doch wie bei der Finanzkrise anders kommt, dann hören wir stets die gleiche Ausrede. „So einen Fall gab es noch nie. Unsere Modelle sehen ihn nicht vor. Damit konnte niemand rechnen.“

Carl von Clausewitz, der große Philosoph „Vom Kriege“, den alle Militärs kennen und den sogar Lenin und Mao studiert haben, betont wie entscheidend auch charakterliche Eigenschaften wie Willenskraft, Mut, Tapferkeit u. dgl. sind. Er hat ausdrücklich vor der geistigen Enge rein wissenschaftlich erzogener Offiziere gewarnt. Ihr Denken sei auf eine bestimmte Richtung und Vorgehensweise festgelegt. [Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Ungekürzter Text, Frankfurt/ M. 1980, S. 107]  Selbst eine Theorie mit einer starken Logik bleibt doch sehr ohnmächtig gegen die Gewalt der Umstände. Wir müssen mit der ganzen Inkonsequenz, Unklarkeit und Verzagtheit des menschlichen Geistes rechnen. [Clausewitz, a.a.O., S. 644]

Nun gibt es auch, aber zu wenig Wirtschaftswissenschaftler, die diese Mängel des Systems erkennen. Dazu gehört der Amerikaner Nouriel Roubini. Er war einer der ganz Wenigen, manche sagen der Einzige, der früh vor der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007 ff. warnte. Deswegen bekam er von seinen Kollegen den Spitznamen „Dr. Doom“ [= Dr. Untergang]. Danach war sein Ansehen ganz groß. Er schreibt treffend:

„Sie [= Wirtschaftstheorien] zeigen, wie und warum Märkte funktionieren, und warum sie gut funktionieren. Letztere Fragestellung geht auf die Anfänge der Wirtschaftswissenschaften zurück und beginnt mit dem schottischen Denker Adam Smith. In seinem Buch Der Wohlstand der Nationen erfand er das inzwischen berühmte Bild von der „unsichtbaren Hand“ … Auf die vielen Schwächen des Kapitalismus ging es aber nicht ein.“  [Nouriel Roubini und Stephen Mihm, Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft, Crisis Economics, Frankfurt / M. 2010, S. 61]

Damit sind wir beim Marktmodell. Dazu sagte 2012, also nach der Krise von 2007, der US-Star-Ökonom Kenneth Rogoff: „Unsere Modelle sind sehr elegant, aber sehr, sehr erfolglos. Nun ist die Zeit für mehr Experimente gekommen, für die Erforschung der Unvollkommenheit von Märkten.“ [Handelsblatt vom 23.01.2012]

Deutsche Gelehrte sind da hartgesottener. Am 16.02.2016 veranstaltete das Handelsblatt mit der Bertelsmann Stiftung u. a. die Tagung „Ökonomie neu denken“. Doch die „alten Hasen“ wollten nicht neu denken. Der Vertreter des tonangebenden deutschen Ökonomenverbands „Verein für Socialpolitik“ Rüdiger Bachmann und die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel verteidigten leidenschaftlich die neoliberalen sowie mathematischen Modelle. „Ich bin stolz auf meine Disziplin“, sagte Bachmann. Man müsse nur wissen, wofür man die Modelle nutzen könne und wofür nicht. So gebe es darin keine Arbeitslosigkeit und auch nur einen äußerst rudimentären Finanzsektor. Solche Schwächen könne man durch graduelle Verbesserungen beheben. – Ergebnis: Vom Wichtigsten wissen sie also nichts bis wenig.

„Den spontanen Applaus des Publikums erntete allerdings mehrmals ein anderer: Nils Goldschmidt, der gerade in Siegen einen Studiengang „Plurale Ökonomik“ aufbaut. „Wir führen hier Oberflächendiskurse“, kritisierte er: „Wir brauchen eine Diskussion über Methoden. Studenten erwarten, unterschiedliche Zugänge zu ökonomischen Fragen kennen zu lernen.“ [Handelsblatt 17.02.2016]

Nicht nur Studenten, wir alle erwarten mehr! Denn die „rudimentären Modelle“ haben Folgen für die Weltwirtschaft. In vielen Industrieländern herrschen hohe Dauer- und Jugendarbeitslosigkeit. Viele andere Länder bleiben wirtschaftlich ganz auf der Strecke. Das löst Völkerwanderungen aus, die alle in Existenznot bringen. Von Geld- und Eurokrisen ganz zu schweigen.

Der Herdentrieb in den Wirtschaftswissenschaften hat viele Ursachen. Einige sind klar erkennbar. Nur wenige englischsprachige Fachzeitschriften beherrschen die Meinungsbildung. Nur wem dort Veröffentlichungen gelingen, wird wahrgenommen. 2012 wurde Dennis Snower, der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, interviewt. Er ist ein scharfer Kritiker der mächtigen Fachzeitschriften. Ihn stören nicht nur die hohen Preise und die Marktmacht der Verlage. Er kritisiert vor allem die Verfahren bei der Auswahl der wissenschaftlichen Aufsätze, die zur Veröffentlichung gelangen. Und er meint dazu: „Das traditionelle Verfahren gibt den Herausgebern und den Gutachtern zu viel Macht – diese Leute können Gott spielen. Die ethischen Werte, die für Wissenschaftler zentral sein sollten, sind uns abhandengekommen … viele Gutachter arbeiten auch unglaublich langsam und schreiben unfaire Reports. Das hat vermutlich jeder Ökonom schon selbst erlebt. Neue Ideen haben es dadurch sehr schwer.“ [Handelsblatt, 13.02.2012, S. 18] Das hat sogar international zu Protestaktionen vor allem junger Wissenschaftler geführt – bisher erfolglos. [mehr dazu: Gerhard Pfreundschuh, Die Hochschulreform, S. 63 ff.]

Hinzu kommt noch etwas. Wer Uni-Professor werden will, muss nach der Habilitation [= große wissenschaftliche Arbeit nach der Dr.-Arbeit] durch ein Berufungsverfahren. Hier muss ich einen Nachwuchswissenschaftler loben. Er schilderte kürzlich in einer Seminarrunde diese Verfahren, und zwar rückhaltlos ehrlich. Er meinte: „Im Berufungsverfahren ist vor allem eine möglichst lange Liste von Veröffentlichungen ausschlaggebend.“ Alle deutschsprachigen Fachblätter seien nicht erste Wahl, höchstens in die Kategorie C einzuordnen. Damit könne man nicht glänzen. Es gebe eben keine deutschsprachige Zeitschrift mit internationaler „Reputation“, mit dem erforderlichen wissenschaftlichen Ansehen.

Doch die Hürde, in eine angesehene angelsächsische Zeitschrift zu kommen, sei hoch. Die Ablehnungsquote liege zwischen 80 und 90 %. Hinzu komme, dass die Zeit der Begutachtung zwischen einem dreiviertel und zwei Jahren liege. Die nächste Klippe seien die Gutachter. Sie gehörten durchweg zur bekannten, angelsächsischen Garde. „Es wird eher das Herkömmliche veröffentlicht.“ Neue Ansätze kämen deswegen nicht nur schwer in die Fachzeitschriften, sondern auch schwer in die Lehre. Zwei anonyme Gutachter beurteilen die eingereichten Aufsätze. Beide müssen zustimmen.

Wir können daraus zwei Schlüsse ziehen. Dort wird erstens entschieden, wer veröffentlichen darf, und zweitens auch, wer in Deutschland Professor wird. Wer wundert sich da noch über den Herdentrieb?

28. Sichere Grenzen sind möglich

Tagesgedanke:

„Wir beobachten in Europa ein sehr seltenes historisches Ereignis: Eine Region verteidigt ihre Außengrenzen nicht, sondern öffnet sie stattdessen. Das hat es seit einigen tausend Jahren nicht gegeben.“
Henry Kissinger, ehemaliger US-Außenminister (Die Welt, 02.01.2016).

Zum Nachdenken über Tags:

Bei genauem Hinsehen ist es vor allem Deutschland, auf das Kissingers Erstaunen zutrifft. Angela Merkel hat damit Deutschland isoliert und setzt den Zusammenhalt der EU aufs Spiel. Sie lässt eine Völkerwanderung ohne erkennbares Ende ins Land und will dann die anderen europäischen Staaten zwingen, sich diesem Strom zu öffnen und ihn gleichmäßig zu verteilen. Schon jeder, der nach Frankreich oder England schaut, erkennt, dass dort kaum jemand so denkt.

Der britische Premier Cameron stimmte mit Horst Seehofer überein, dass es Obergrenzen geben müsse. Doch Seehofer sprach von 200.000 Flüchtlingen im Jahr, Cameron von 20.000 in fünf Jahren [RNZ 08.01.2016].

In Frankreich steht Hollande durch Terror und Marine Le Pen unter Druck. Er hält das Land im Ausnahmezustand und hat die Grenzen geschlossen. „Mehr als 30.000 Flüchtlinge nehmen wir nicht“, heißt es.

Immer wieder hören wir von CDU, SPD, Grünen und Linken wie aus einem Mund, der Schutz der Grenzen sei nicht möglich. Das gehe schon gar nicht ohne menschliche Tragödien und Tote.

Die Tragödie kam, weil durch Frau Merkel, aber auch schon seit Jahren der Weg aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa ohne Pässe, Visa usw. möglich ist. Den Anfängen wurde nicht Einhalt geboten; ein Rinnsal kann man aufhalten, einen Strom schwer. Nun ist die Völkerwanderung so gewaltig, dass die EU und ihre Regierungen ins Wanken geraten. Sofortmaßnahmen sind nötig, aber auch längerfristige Lösungen.

Zur Vertiefung:

Langfristig müssen mit allen Mitteln die Verursacher in die Pflicht genommen werden. Das sind die reichen Ölstaaten, nämlich Saudi-Arabien, das die sunnitischen Krieger und den IS befeuert, und der Iran, der hinter den Schiiten steht. Wer Krieg führt, muss auch die Folgen tragen. Im Übrigen vertreten wir das Kulturkreis-Modell. Zur islamischen Forderung der Nichteinmischung von außen gehört die Eigenverantwortung für Probleme im Innern, besonders wenn sie die Folgen eigenen Handelns sind. Letztlich braucht die islamische Welt neue Frieden stiftende Grenzen, die handlungsfähige staatliche Gemeinschaften ermöglichen. Dann können wir gemäß einer Sozialen Volkswirtschaft und ohne Missionsabsichten helfen.

Als Sofortmaßnahme gilt es, die Völkerwanderung zu beenden. „Denn es gibt keine moralische Pflicht, sich selbst zu zerstören.“ (Peter Sloterdijk). Die vielen jungen Männer (70 – 80 %) an den Grenzzäunen müssen zurück. Die Familien mit Kindern sind dabei humanitär zu begleiten und zu versorgen. Lager sind an kriegsfreien Orten im Nahen Osten zu schaffen und international, aber auch von der arabischen Liga zu organisieren und zu finanzieren. Deutschland kann sich nicht als Alleinretter der Welt aufspielen. Das schaffen wir nicht, es sind zu viele.

Sichere Grenzen seien nicht möglich, hören wir. Jeder, der etwas von Verwaltung und Militär versteht, muss da wie Henry Kissinger staunen. Denn fast alle Staaten der Welt schaffen es. Auch Deutschland ist es früher gelungen, mit Grenz-, Pass- und Visa-Kontrollen zu bestimmen, wer ins Land kommt und sich darin aufhält.

Eine Grenze mit moderner Technik zu überwachen, ist einfacher und kostet weniger Personal und Geld als alle gewagten militärischen Auslandseinsätze. „Unsere Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt“, hieß es in Berlin. Es ist eine alte Regel: erst Sicherung der Grenze, dann notfalls über die Grenzen hinweg angreifen. Dabei kommen derzeit die Angreifer und Terroristen aus den islamischen Kriegsgebieten ungehindert ins Land. „Wie ein Krebsgeschwür breiten sie sich in Europa aus“, sagt ein hoher US- und Nato-General. Manche haben inzwischen sogar die deutsche Staatsangehörigkeit. – Wir müssen die Hoheit über unsere Grenzen zurückgewinnen!

Auch wer im Inland ist, kann einer ordnungsgemäß arbeitenden Verwaltung nicht lang verborgen bleiben. Er braucht eine Wohnung und fällt damit bei den Einwohnermeldeämtern auf. Er fährt Auto und das Gleiche ereignet sich bei Verkehrskontrollen. Für Geld braucht er meist ein Bankkonto, das nach dem Fall des Bankgeheimnisses wegen der Steuerbetrüger ebenfalls amtsbekannt werden darf. Außerdem brauchen fast alle entweder soziale Hilfen oder Arbeit; und wieder sind sie bei Steuer- und anderen Behörden. Das ist schon der Fall, wenn sie einen gültigen Ausweis samt Aufenthaltsbewilligung vorlegen müssen.

In diesen Tagen wird das alles ausgehebelt, weil an der Grenze im Sofortverfahren ohne Prüfung Aufenthaltsbewilligungen ausgestellt werde. Eine Farce sei das, sagen erfahrene Beamte. [Die Welt 06.03.2016]

Frau Merkel sagt dagegen: „Nach der Genfer Flüchtlingskonvention dürften wir sie nicht zurückschicken.“ Das stimmt nicht!

Kommenden Dienstag: Was sagt die Genfer Flüchtlingskonvention?

23. Freistaaten statt Zentralstaaten

Tagesgedanke:

Wenn es möglich ist, kein Gesetz zu machen, dann ist es notwendig, dass kein Gesetz gemacht wird (Montesquieu). Denn jede Vorschrift von oben ist eine Freiheitsberaubung unten. Was unten erledigt werden kann, hat oben nichts zu suchen.

Zum Nachdenken über Tags:

Wir müssen darüber nachdenken, wie wir den Abbau der Demokratie durch Brüssel und Berlin stoppen und künftig verhindern können.

Den Zustand kennen wir alle. Peter Sloterdijk, einer der bekanntesten Philosophen Deutschlands, sagt es so: „In unseren Tagen entsteht ein Monstrum an staatlicher und überstaatlicher Regelungs-Juristerei, das sich selbst die Erlaubnis erteilt, in die feinsten Ritzen des sozialen Lebens einzudringen … – ein privates Leben mag man das, was wir hier führen, nach allem, was bekannt wurde, ja nicht mehr nennen.“ [Handelsblatt, 11.10.2013, S. 50 ff. (56)]

Wir müssen dem „Überstaat“ (Roman Herzog) in Brüssel und dem „Parteienstaat“ in Berlin diese Selbst-Erlaubnis zur freiheitsberaubenden Allmacht nehmen. Wir müssen ihre Regelungszuständigkeiten einschränken und klar festlegen. Sie dürfen nur das tun, wozu sie ausdrücklich ermächtigt sind. Das nennen die Verfassungsrechtler „Kompetenz-Verteilung“. Was unten erledigt werden kann, hat oben nichts zu suchen. Dann werden wir nicht mehr von oben und außen, sondern von unten durch das Volk, dem Träger aller Staatsgewalt, regiert. Im Einzelfall muss sich das Volk, der Souverän, die Staatsgewalt durch Volksabstimmungen zurückholen können. Davor müssen die Machtpolitiker dann ständig auf der Hut sein und alles durchdenken und gut begründen.

Das führt uns zu einem Fünf-Ebenen-Modell mit (1.) Privatautonomie der Bürger, (2.) Selbstverwaltung der Gemeinden, (3.) starken Freistaaten (Bundesländer), (4.) funktionsfähigen Nationalstaaten und (5.) einer strategisch denkenden und handelnden EU. Wir können das die zweite Gewaltenteilung nennen, nämlich die zwischen den fünf Ebenen.

Die Idee der ersten Gewaltenteilung stammt von Montesquieu. Die Österreicher und Schweizer nennen es die „Gewaltentrennung“ zwischen Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung. Wenn diese drei Gewalten in einer Hand sind, dann leben wir in einer Diktatur. Denn der Führer oder ein Kollektiv oder eine Partei macht die Gesetze, regiert nach eigenem Belieben und steuert noch die Gerichte. Doch alle Diktaturen und Obrigkeitsstaaten stört auch die zweite Gewaltenteilung.

So werden im Parteienstaat und erst recht im Einparteienstaat Zug um Zug alle fünf Ebenen gleichgeschaltet. Dann wird von oben nach unten durchregiert. Den Bundesländern wurden seit der Gültigkeit des Grundgesetzes immer mehr Zuständigkeiten entzogen. Zur vielbeschworenen Bürgernähe gehört vor allem das Subsidiaritätsprinzip. Es ist ganz einfach: Was die kleinere Gemeinschaft oder untere Ebene leisten kann, darf die übergeordnete nicht an sich ziehen. Das Prinzip steht aufgrund deutschen Drängens auch in den EU-Verträgen, bisher sehr erfolglos.

Zur Vertiefung:

Im Bürgerstaat und echten Demokratien sind daher die Privatautonomie der Bürger und die örtliche Selbstverwaltung besonders stark ausgeprägt. (Dazu in anderen Blog-Berichten mehr.) Hier geht es nun darum, warum es im Staatsaufbau so wichtig ist, dass die Ebene der Bundesstaaten besonders leistungsfähig ist. Warum brauchen wir starke Freistaaten und keine Bundesländer, die mehr Provinzen als Staaten ähneln?

Zunächst will es unser Grundgesetz so. Nach Artikel 30 sind die staatlichen Befugnisse und Aufgaben Sache der Länder, „soweit dieses Grundgesetz keine andere Regelung trifft“. Diese Bundesstaatlichkeit darf durch Verfassungsänderungen nicht abgeschafft werden (Ewigkeitsgarantie in Artikel 79 Absatz 3).

Das wollten 1949 die westlichen Siegermächte, doch es entspricht ganz deutscher Verfassungstradition; und ähnlich ist es auch in den USA oder der Schweiz. Ohne Föderalismus wäre 1993 die deutsche Einheit nie so reibungslos verlaufen. Die Menschen bekamen ihrer Heimat zurück und hatten das Gefühl, hier ihre Demokratie auszuüben. Sie wurden nicht mit den Wessis in einen Zentralstaat gepfercht. Auch die Bayern und andere Süddeutsche wären unglücklich, wenn alles nach Berliner Schnauze ablaufen würde. Fremde Richter und fremde Herren sind seit uralten Zeiten ein Zeichen für Fremdherrschaft. Wo Zentralismus herrscht, drohen die Staaten oft auseinanderzubrechen (z.B. Schottland, Katalonien, die Basken oder die Lega Nord).

Der Wettbewerbsföderalismus zeigt uns auch gute und schlechte Beispiele. Experimente ergreifen nicht gleich das ganze Land. Sie lassen sich leichter erproben. Zentralismus neigt schnell zu Einheitlichkeit auf schwächstem Niveau. Wenn wir ihn im Schulbereich hätten, wären alle Schüler so schwach wie in Bremen oder NRW. Bayern zeigt auch, dass sich in Freistaaten Volksabstimmungen schneller und einfacher durchführen lassen.

Ganz wichtig ist aber, dass mit jeder höheren Ebene der Einfluss der Bürger schwindet. Die Selbstüberschätzung und Arroganz, die Macht und Unkontrollierbarkeit der Herrschenden steigen. So ist zu beobachten, dass je weiter Politiker aufgestiegen sind, umso weniger trauen sie ihrem Parteivolk und erst recht den Bürgern zu. Die Meisten halten sich dann für fähig, Bundeskanzler oder EU-Kommissar zu sein; aber den Bürgern trauen sie nicht einmal zu, ihr Privatleben richtig zu führen oder die richtige Partei zu wählen. Ständig hören wir volkspädagogische Belehrungen. Daher lautet unser nächster Tagesgedanke:

Kommenden Dienstag: Welches Menschenbild hat der Bürgerstaat?