16. Wie viele wollen noch kommen?

Tagesgedanke:

Es sind viele Millionen Menschen, die nach Europa wollen.

 

Zum Nachdenken über Tags:

Umfragen zeigen: „Rund 450 Millionen Menschen aus Subsahara-Afrika und aus dem arabischen Raum zwischen Marokko und Oman würden heute gerne auswandern. …  2009 erfragte Prozentsätze [ergaben] Subsahara: 38 Prozent, arabischer Raum: 23 Prozent.“ [Handelsblatt, 30.07.2015, S. 48]

Der Wirtschaftswissenschaftler Erik Reinert sagt es so: „UNO-Daten zufolge gibt es heute eine Milliarde Menschen, die hungern. Dies lässt sich nicht lösen, indem wir einfach alle Hungernden in die EU und die USA verfrachten. Die einzige Lösung besteht darin, die heute armen Länder zu industrialisieren, so wie es vielen Ländern Asiens gelungen ist.“ [Erik Reinert, Warum manche Länder reich und andere arm sind, S. 218]

 

Zur Vertiefung:

Die Industrielaisierung wird nur gelingen, wenn sie von unten nach oben über die Landwirtschaft, das Handwerk, dann mit Klein- und Mittelunternehmen aufgebaut wird.

Dabei dürfen diesen Ländern nicht die Fachkräfte abgeworben werden; wir dürfen sie nicht als „Bildungsflüchtlinge“ weglocken. Außerdem brauchen diese aufkeimenden, jungen Volkswirtschaften gezielte Schutzräume, wirksame Biotope, bis sie dem rauen Weltmarkt gewachsen sind.

So gingen zunächst alle heute erfolgreichen Industrieländer vor, von England über die USA bis Deutschland, Japan und das heutige China. Denn junge, heranwachsende Wirtschaftskörper müssen vor dem Zugriff der multinationalen Konzerne und der globalen Finanzwirtschaft geschützt werden. Der Verkauf des Ackerlands an „Landgrabscher“, der Ölquellen an BP oder Esso, des Wassers an Nestlé, der Fischgründe vor Westafrika an die EU sind eine neoliberale Globalisierung, die die Armut steigert, statt zu überwinden.

Das alles sind ständige und wichtige Anliegen einer Sozialen Volkswirtschaft. Sie ist der Gegenentwurf zum grenzenlosen Neoliberalismus, den manche Raubtierkapitalismus nennen.

Lesestoff:

Kurt Egger / Uwe Korus (Hrsg.), Öko-Landbau in den Tropen, Stiftung Ökologie & Landbau, Heidelberg 1995 [Egger ist mir durch einen Vortrag persönlich bekannt; er überzeugte.]

Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg (Hrsg.), Wurzeln des Wohlstands, Stuttgart 1984 [Benz und Bosch und viele heute unbekannte Erfinder, Unternehmer und fleißige Schwaben sind die Wurzeln unseres Wohlstands. Anmerkung: Ich bin Badener.]

Fred Pearce, Land Grabbing, Der globale Kampf um Grund und Boden, München 2012

Jean Ziegler, Das Imperium der Schande, Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung, München 2005 [anschaulich und überzeugend aufgrund der persönlichen Erfahrungen Zieglers als „UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung“  von 2000 bis 2008.]

Unser nächster Tagesgedanke am 07. Januar 2016: Schaffen wir die Integration?

Wir wünschen allen Blog-Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein friedliches Jahr 2016.

3 thoughts to “16. Wie viele wollen noch kommen?”

  1. Soweit hier Erik Reinert zitiert wird (ich habe ihn nicht gelesen) bin ich anderer Ansicht.

    Die „einzige Lösung“, beziehungsweise einer der ersten Schritte, müsste darin bestehen, das Bevölkerungswachstum in Afrika unter Kontrolle zu bringen, damit die Bemühungen um Wohlstandssteigerung nicht ständig durch die wachsende Bevölkerung pervertiert werden.

    Auch der Vergleich mit der Entwicklung westlicher oder asiatischer Industriestaaten geht meines Erachtens fehl. Die bisherige afrikanische Mentalität, die ich mal als mangelndes Vorsorgedenken und Klientelismus beschreiben möchte, wird einer Verbesserung der ökonomischen Verhältnisse, geschweige denn einer Industrialisierung, dauerhaft im Wege stehen.

    Falsch finde ich die Schuldzuweisung an die Kolonisten vergangener Jahrhunderte. Die Kolonialzeit ist lange vorbei. Afrika hatte seit Jahrzehnten die Gelegenheit zu beweisen, dass es auf eigenen Beinen stehen und seine Bevölkerung versorgen kann. In den Ländern, in denen die Kolonisten komplett abserviert wurden, brach nach kurzer Zeit die Wirtschaft zusammen (bekanntestes Beispiel Simbabwe/Rhodesien). Mit der Republik Südafrika, wo der Einfluss der Nicht-Schwarzen immer weiter zurückgedrängt wird, geht es parallel dazu wirtschaftlich auch immer weiter bergab.

    Dem sogenannten Raubtierkapitalismus beziehungsweise der Globalisierung die Schuld an der Verarmung Afrikas zuzuweisen und wirtschaftliche Schonräume zu fordern, verkennt m. E. die positiven Effekte der Globalisierung der Wirtschaft gerade auch für arme Länder (wobei ich damit nichts gegen die gewissem(!) Maße erforderliche Regulierung der Finanzmärkte sagen möchte). Diejenigen Entwicklungsländer, die sich dem weltweiten Wettbewerb geöffnet haben,
    haben ihre Situation erheblich verbessert.

    Diese Schlussfolgerung lässt auch der Welthunger-Index zu: “Insgesamt sind die Hungerwerte seit 2000 um 27 Prozent gesunken.“

    http://www.welthungerhilfe.de/welthungerindex2015.html

    Es ist also nicht erwiesen, sondern im Gegenteil sehr unwahrscheinlich, dass die Globalisierung den Hunger in der Welt verstärkt hat. Das gehört zu den Märchen linker oder rechter Sozialisten.

    Ein aufklärender Artikel zur Globalisierung im Handelsblatt:

    Die Armen sind die wahren Gewinner der Globalisierung

     “1970 war die Armutsquote in Afrika mit 35 Prozent noch ähnlich hoch wie in Südost-Asien – 30 Jahre später ist sie in Afrika auf 50 Prozent gestiegen, während sie in Südost-Asien auf unter drei Prozent gefallen ist.“

    “Die Entwicklungsländer, die sich auf den angeblichen „Raubtierkapitalismus“ einlassen und in die internationale Arbeitsteilung einbinden, haben die größten Erfolge im Kampf gegen die Armut. So gesehen erweist sich die Globalisierung offenbar als massives Wohlstandprogramm – gerade für die Ärmsten der Armen.“

    http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/oekonomie/wissenswert/makrooekonomie-die-armen-sind-die-wahren-gewinner-der-globalisierung/2675416.html

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