60. Von der Arbeits- zur Umschulungsagentur

Tagesgedanke:

„Wir orientieren uns nämlich nur dann richtig, wenn wir uns jeden Arbeitslosen als einen Mann vorstellen, der sich auf dem Wege von einer wirtschaftlich unhaltbar gewordenen Beschäftigung zu einer wirtschaftlich haltbaren befindet.“ [Wilhelm Röpke, ein Vater der Sozialen Marktwirtschaft, in: Civitas Humana, Grundlagen der Gesellschafts- und Wirtschaftsreform, Zürich 1944, S. 349, verfasst im Genfer Exil]

Zum Nachdenken über Tags:

Wilhelm Röpkes richtiger Grundsatz bedeutet: Die Bundesagentur für Arbeit (BA) ist in eine Duale Umschulungsagentur (DUA) für Fach- und Führungskräfte umzubauen. Dabei sind Fachkräfte alle, die nicht führen, auch Forscher und Professoren, genauso Straßenarbeiter, die heute Maschinen steuern und Reinigungskräfte.

Für diese DUA gelten folgende Ziele und Grundsätze:

  • Vorrang der Umschulung vor schneller Vermittlung,
  • Erwerb anerkannter Berufs- und Fortbildungsabschlüsse,
  • echte und dauerhafte Eingliederung aller Bürger gemäß ihrer Befähigung und Neigung,
  • Arbeit für alle.

Die Ausgangslage ist gar nicht so schlecht. Die heutige BA hat einen Haushalt von 36,4 Milliarden Euro (2016). Das ist mehr als der Verteidigungshaushalt (34,3 Milliarden Euro, 2016). Die Mitarbeiterzahl beträgt fast 100.000 Personen. So viel hatte das 100.000-Mann-Heer der Reichswehr. Die DUA soll keine Soldaten oder Krieger ausbilden, aber Fach- und Führungskräfte  (um-)schulen und vermitteln. Das müsste mit so viel Geld und Leuten gelingen! Wir müssen die BA neu erfinden, d. h. neue Ziele und eine ganz neue Organisation.

Wenn die 100.000 Frauen und Männer in der BA nicht Statistiken und Theorien bearbeiten, sondern aktiv umschulen und dann vermitteln, können auch Langzeitarbeitslose durch Üben und Tun berufstauglich werden. Denn bei 1 Mio. Langzeitarbeitslosen kommen auf jeden der 100 Tsd. BA-Mitarbeiter ganze 10 Langzeitarbeitslose. Und es sind 20 Fälle je BA-Mitarbeiter, wenn wir von 2 Mio. Arbeitslosen ausgehen. In der BA wird ganz viel gemacht und gewerkelt; um den einzelnen Arbeitslosen kümmern sich die Wenigsten im „Koloss für Arbeit“ [FAZ, 14. 03. 2015 / Spiegel online 26.03.2018: „Agentur für Arbeit: Viel Stress, viel Bürokratie und wenig Hilfe für die Arbeitslosen“].

Zur Vertiefung:

Alles redet über Hartz IV. Doch die Vorschläge sind zu theoretisch. Sie haben zu wenig die kurz- und langzeitarbeitslosen Menschen vor Augen.

Der Weg zu den Zielen erfordert eine andere Art des Lernens, der Organisation und Bezahlung. Wer arbeitslos wird, muss sofort in ein Arbeitsverhältnis zur Umschulung bei der DUA kommen. Arbeitslose wie heute darf es nicht mehr geben, höchstens Kranke und Behinderte. Für sie sind die Sozialversicherungen zuständig.

Hans-Werner Sinn sagt richtig: „Wir können nicht Millionen bezahlen, wie wenn sie arbeiten würden, obwohl sie nicht arbeiten.“ Bezahlen wir sie fürs Lernen und Arbeiten! Dann fallen auch alle Einkommens- und Vermögensprüfungen weg, die den Armen alles bis auf ein schmales „Schonvermögen“ nehmen – ihren Aufstieg in den Mittelstand vollends verhindern.

Das ist eine echte Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen. Denn dieses lässt die Menschen weiter in der Lage, nicht gebraucht zu werden. Jeder wird gebraucht. Und jeder, der Nutzen stiftet, ist ein wertvolles Mitglied des Bürgerstaates.

Ziel ist, alle Bürger zu Fach- oder Führungskräften auszubilden oder dazu umzuschulen. Sie sollen die Gewissheit haben, in ihrer Heimatregion mit Familie und Eigenheim, mit Arbeit und sozialer Sicherheit leben zu können. Nirgends in Europa wohnen so wenige im eigenen Haus wie in Deutschland. Das ist kinderfeindlich!

Bürgerstaatliche Ziele sind: „Mittelstand für alle“ und „genossenschaftliche Brüderlichkeit“. Sie verlangen „Hilfe in der Not“; kein Bürger wird allein gelassen, vergessen.

Dabei muss jede Umschulung mit einer genauen und umfangreichen Eingangserhebung der Neigungen und Befähigungen des Umschülers beginnen. Es sind dann mit ihm die Arbeitsplatzangebote der Wirtschaft, des öffentlichen Dienstes u.dgl. zu besprechen. Diese genaue Gegenüberstellung von Angebot und Nachfrage samt Qualifikationen fehlt heute. Außerdem sind persönliche und gesundheitliche Einstellungshemmnisse offen zu besprechen und danach zu therapieren. Die Eingangserhebung muss dem Umschüler seinen Fortbildungsbedarf zeigen und ihn von der Schulung samt Zielerreichung überzeugen.

Dann brauchen wir duale Umschulungen, also mit einem Wechsel von praktischer Arbeit und theoretischer Schulung. Dabei hat die Praxis, das Lernen durch Arbeit Vorrang. Praktisch begabte Menschen, auch Langzeitarbeitslose brauchen solche „arbeitsintegrativen Lernformen“. Das ist „natürliches Lernen“ durch Tun und Üben. Lernen heißt nach Karl Popper, „aufgrund von Erfahrung sein Verhalten ändern“. [Karl Popper und John Eccles, Das Ich und sein Gehirn, S. 144 ff., 505 ff.]

Soweit keine privaten Unternehmen, Handwerksbetriebe u.dgl. zur Verfügung stehen, sind öffentliche Wirtschaftsunternehmen einzusetzen und ggf. einzurichten. Arbeit, die heute liegen bleibt, gibt es genug: im Denkmal- und Umweltschutz, in unansehnlichen Industriegebieten, im Wohnumfeld vieler Städte und Dörfer, in Pflege und Gesundheit usw. In Teilbereichen können wir auch von einem „sozialen Arbeitsmarkt“ sprechen.

Die Theorie der Zwei-Drittel-Gesellschaft, wonach ein Drittel der Deutschen zu dumm für moderne Arbeit sei, halten wir für völlig falsch und abwegig. [so Peter Glotz (SPD) in: Eine Kultur des Wandels schaffen, Speyerer Vorträge, Heft 29, Speyer 1994]

Nur im Rahmen dieser Umschulungen kann es zu befristeter, der Umschulung dienender Leiharbeit kommen. Die DUA bestimmt die Bedingungen und die Dauer. Private Leiharbeit ist systembedingt nicht mehr nötig. Damit entfallen auch sog. „prekäre Arbeitsverhältnisse“.

Gleichzeitig muss erleichtert werden, dass wirtschaftlich unhaltbar gewordene Arbeit über betriebsbedingte Kündigungen abgeschafft wird (historisches Extrembeispiel von Kündigungsschutz: der Heizer auf der E-Lok in Großbritannien). Es ist völlig falsch, dass dies heute nur „Investoren“ (Hedgefonds, „Heuschrecken“ u.ä.) mit gesamtwirtschaftlich schädlichem Vorgehen wie „Sanierungen“, „Verschlankungen“ und „Zerschlagungen“ von Unternehmen durchführen können – und dürfen.

Ziel sind zufriedene Arbeitnehmer und Arbeitgeber. In der schnelllebigen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ist es noch entscheidender, dass die richtige Fach- oder Führungskraft den richtigen Arbeitsplatz besetzt.

Zur weiteren Vertiefung:

G. Pfreundschuh, Soziale Volkswirtschaft, Heidelberg 2017, ISBN 978-3-944816-35-7; E-Book: ISBN 978-3-944816-83-8

G. Pfreundschuh, Kampf der Kulturen und Wirtschaftssysteme? Heidelberg 2018, ISBN 978-3-944816-38-8; E-Book: ISBN 978-3-944816-77-7

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