8. Die Kultur hält eine Gesellschaft zusammen

Der Tagesgedanke:

Die Kultur ist eine große Gemeinschaftsleistung.

„Kultur ist die Gesamtheit der durch menschliche Arbeit geschaffenen materiellen und geistigen Werte und durchdringt alle Lebensbereiche.“ [so auch DGB 1981] Kultur können nur Menschen schaffen; Tiere sind ganz Natur. Kultur kommt von „colere“, bebauen und pflegen der Felder. Ackerbau und Viehzucht sind frühe Kulturformen. Die Kultur ist zeit- und raumabhängig. Zur gleichen Zeit haben unterschiedliche Völker auch verschiedene Kulturen. Und im Lauf der Geschichte ändert sich die Kultur eines Volkes und eines Kulturkreises.

Mächtige kulturelle Kräfte sind die Sprache, die Religion, das Recht, Sitten und Ethik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Zum Nachdenken über Tags:

Es gibt eine europäische Kultur vom Altertum bis heute. Sie unterscheidet sich von außereuropäischen Kulturen, die vor allem seit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes (1989) ihren eigenen, gleichwertigen Platz in der Welt fordern. Die Welt des 21. Jahrhunderts wird multikulturell sein.

Doch eine multikulturelle Gesellschaft wird sozial und geistig tief gespalten sein. Der Kampf der Kulturen in der Welt wird zum Kulturkampf im Land. Bürgerkrieg liegt in der Luft. Es gibt sie schon, die „tief gespaltenen Gesellschaften“ in „zerfallenden Staaten“.

Kultur ist eine Gemeinschaftsleistung. Alle Arbeitsteilung muss in eine Arbeitszusammenführung münden. Kultur überwindet so den reinen Individualismus, was gut Gustav Radbruch darstellt: „Denn jegliche Gemeinschaft ist Gemeinschaft einer gemeinsamen Sache, einer gemeinsamen Arbeit, eines gemeinsamen Werkes, einer gemeinsamen Kultur.“ [Einführung in die Rechtswissenschaft, Leipzig 1925, S. 30 ff.]

Zur Vertiefung:

Ein Klassiker zur Kulturtheorie ist Norbert Elias. Er spricht wie die Angelsachsen von Zivilisation und meint Kultur. Wir Deutschen kennen beide Begriffe, wobei Zivilisation oft einen abwertenden Einschlag hat (z.B. Zivilisationskrankheiten). In seinem Hauptwerk „Über den Prozeß der Zivilisation“ zeigt Elias, wie unentrinnbar die eigene Kultur einen Menschen prägt:

„Der Einzelne hat in dieser Hinsicht keine sehr große Wahl. Er wird in eine Ordnung und in Institutionen bestimmter Art hineingeboren; … Und selbst wenn er diese Ordnung und diese Institutionen wenig schön und zweckmäßig findet, kann er nicht einfach seine Einwilligung zurückziehen und aus der bestehenden Ordnung herausspringen. … er mag sich am Ende auf eine einsame Insel flüchten, noch als Flüchtling vor dieser Ordnung ist er ihr Produkt. Sie zu missbilligen …, ist kein geringerer Ausdruck der Bedingtheit durch sie, als sie zu preisen und zu rechtfertigen.“ [Über den Prozeß der Zivilisation, Bern 1969, Bd. II, S. 475]

Lesestoff:

Umfassend und hervorragend belegt bis in die Gegenwart: Jörg Frisch, Artikel „Zivilisation, Kultur“, in: Geschichtliche Grundbegriffe, hg. von Otto Brunner u.a., Stuttgart 1972 – 1992, Band 7, Seite 679 – 774

Gerhard Pfreundschuh, Die kulturelle Umweltzerstörung in Politik und Wirtschaft, Analyse und Gegenstrategie, Mainz 1993, Kapitel „Kultur und Gemeinschaft“, S. 50 ff.

Enzensberger, Hans Magnus, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt/M. 1993 – hier: kurze Buchbesprechung

Dienstag: Welche Eigenschaften verlangen die Bürger von Politikern?

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